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Gedankenstrudel
Die Zeit hatte William verwandelt. So lange durchtränkt von Hass hatte er nach dem Mörder gesucht. Und jetzt stand er hier verdeckt hinter einem Busch und beobachtete den Eingang. Irgendwann musste er ja raus kommen. Er überprüfte sein Gewehr und witterte durchs Zielfernrohr die Nähe dieses bestialischen Mörders, der schon so viele Menschen aus dem Leben gerissen hatte und immer wieder spurlos verschwand. So schnell er kam, genau so schnell war er wieder weg und hinterließ meistens ein Blutbad. Selbst die Polizei konnte nicht weiterhelfen.
Lange Zeit nach seiner Scheidung konnte William endlich wieder irgendetwas für andere empfinden Er kannte Maria erst ein halbes Jahr und es war ihr erster gemeinsamer Urlaub in Kanada gewesen, der so traumhaft romantisch begann und doch so schrecklich endete. Ihren mürbe gestampften Körper und das blutige Gesicht wird er nie vergessen.
Der Juli war mild und an jenem Tag schien die untergehende Sonne in einem besonders glühenden Licht, das die Schatten der mächtigen Bäume über den Boden zog. William brachte die letzten Holzscheite in die Hütte, die abends im Kamin knistern sollten. Maria beobachtete ihn und hatte wieder ein so entspanntes Lächeln auf ihren Lippen. Es lagen schwere Zeiten hinter ihr. Erst verlor sie ihre Firma, dann auch ihren 13jährigen Sohn an Leukämie. Als er starb, war sie nicht bei ihm. Sie lag zu Hause auf dem Sofa, neben ihr die umgekippte Flasche Weinbrand, die sie täglich brauchte. Sie hatte zwar gelernt, Verträge auszuhandeln, Mitarbeiter zu führen und stark zu wirken, wenn sie ihr Publikum hatte. Allein aber ertrug sie den Schmerz ihrer eigentlichen Schwäche nicht. Die Sehnsüchte, vor denen sie tagtäglich wegrannte und nicht einmal genau kannte, krochen immer wieder zu ihr zurück. Am Ende war sie nur noch ein Wrack ihres Selbst. Und als Wrack lernte sie ihn kennen – William – und das war es, was ihr immer wieder dieses Lächeln auf ihre Lippen zauberte.
Sie hatten die Hütte für drei Wochen gemietet. Das war die Belohnung für die ganze Arbeit, die sie an sich selbst bewältigen mussten und an der sie gewachsen waren. „Wenn wir wachsen, dann haben wir eine schönere Aussicht“, war ihr gemeinsamer Leitsatz. Und es stimmte.
William war nach seiner Scheidung in ein tiefes Loch gefallen. Dieser ganze Rosenkrieg, die unsinnige Schlacht um Eigentum, die Absonderung seiner Tochter und die inneren Bilder abgeblühter Erinnerungen hatten ihn krank gemacht. Depressionen verfolgten ihn, ein Fühlen für andere war nicht mehr möglich. Innerlich umgespülter Schlamm belasteten sein Leben, das keine Wende mehr anzubieten schien. Dann traf er Maria in dieser Selbsthilfegruppe und es wuchs Interesse an ihr. Er konnte sich nicht mehr erinnern, ob es überhaupt so etwas wie einen Funken zwischen ihnen gab, aber er wusste, dass sie beide von Anfang an Hand in Hand gemeinsam aus dem Sumpf stiegen.
Die Zeitungen hatten wochenlang vor ihm gewarnt. Ein Killer zieht seine Kreise durch kleine Vororte und ist besonders aggressiv und brutal. Diese verhaltensgestörten Typen sind einfach unberechenbar. William und Maria interessierte das nicht groß. Zu sehr waren sie im Taumel ihres Glücks. Wer sollte das jetzt stören?
Sie saßen vor dem Kamin, sprachen von der Zukunft, schmiedeten gemeinsame Pläne. Ach, sie hatten so viel vor, die Reise war noch so lang und ungewiss. Aber sie war wie eine Entdeckungsreise eines zweiten Lebens. Das Feuer züngelte im Kamin. Manchmal knisterte und zischte es aus dem von Flammen umspielten Holz. Ein heftiger Ruck gegen die Tür unterbrach die Traumreise der beiden. William öffnete sie vorsichtig, doch niemand war zu sehen.
„Wahrscheinlich der Wind“ beruhigte er Maria und lockte sie hinaus, um den glitzernden Sternenhimmel zu bewundern. Maria liebte Sterne und eilte in die Arme von William und beide schauten tänzelnd in den Himmel. Das Gras unter ihren nackten Füssen war bereits mit abendlichem Tau benetzt. Und eigentlich war es windstill.
Als Maria kurz in Williams Gesicht blicken wollte, eilten schwere Schritte durch die Dunkelheit auf sie zu und ein gewaltiger Arm riss William zu Boden. Die Sinne schwanden, er hörte wie Knochen unter dünner Haut zerbarsten und wünschte sich, nie wieder die Augen öffnen zu müssen. Er wurde bewusstlos.
Sein Schädel dröhnte, als er wieder zu sich kam. Maria lag nur zwei Armlängen von ihm entfernt. Sie bewegte sich nicht. Überall Blut. Die Haut hing in Fetzen von ihrem Gesicht, inmitten dieser rohen Masse lugten ihre Augen leblos hervor. Ihre Schultern hatte der Killer wie den festen Einband eines Buches einfach falsch herum nach hinten geknickt. Sie war tot.
William begriff gar nichts. Warum dieser Blutrausch? Und warum gerade seine Maria? Hatte sie nicht schon genug durchgemacht? Er spürte den Boden unter seinen Füßen nicht mehr und kroch auf allen Vieren in das Haus zurück. Vielleicht war der Killer noch in der Nähe. Doch er hörte nichts. Sein Handy lag noch auf dem Fensterbrett. Während er die Nummer der örtlichen Polizei tippte, schwor er sich, diesen Killer zu jagen. Ein neuer Lebenssinn war geboren: Rache.
Der Abend hatte eine merkwürdige blaue Farbe angenommen. Es war kühl. Williams Atem stieg nebelig hinter dem Busch empor. Noch immer richtete er sein Zielfernrohr auf den Eingang. Diesen Abend sollte der Mörder nicht überleben. So viel Leid und Kummer hatte er Familien angerichtet.
Die Gegend war einsam. Zurückgezogen hatte er sich, hier glaubte er sich sicher. Unbeobachtet und frei. Doch er spürte die Nähe von William. Er hatte eine Nase für seine Feinde, konnte sie förmlich riechen. Viele hatten ihn schon gesucht, aber nicht gefunden, doch dieser William war weitaus hartnäckiger. Und in seinen Augen steckte die Entschlossenheit eines brutalen Killers.
Dabei hatte er sich doch nur erinnert und verteidigt. Menschen waren unberechenbar und grausam. So lange er sie kannte. Und unter seinem dicken Pelz drückten täglich die Kugeln zahlloser Schrotflinten und an den Beinen rissen die fingerdicken Kerben von einst rostigen Ketten, die sie ihm im Zirkus angelegt hatten.
Er konnte William hinter dem Busch sehen. Sie sahen sich in die Augen. William war aufgeregt, der Finger am Abzug bewegte sich hin und her.
Ein Schuss traf den Bär unter dem rechten Ohr. Sofort fiel er zur Seite und röchelte. William kam zu ihm und sagte etwas.
Als der Bär starb, roch er zum letzten Mal menschliche Nähe, die er nie gesucht hatte.
(c) Guido Lemmel 2009