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Ausgeblendet

Gedankenstrudel

Er hat heute so etwas wie eine kindliche Freude in seinem Gesicht. Der 19jährige Patrick sitzt mit einer Handvoll engster Freunde vor dem Fernseher in einem Zimmer, das er nicht kennt. In ein paar Minuten soll der Beitrag kommen. Eine dreiteilige Reportage über die Verlierer der Gesellschaft, die nun obdachlos und kriminell unsere Straßen unsicher machen. Ein spannendes Thema! Es wurde wochenlang vorher schon angekündigt mit Bildern von gezückten Messern und Bluttropfen auf dem Asphalt. Bloß nicht verpassen! Hier erfahren Sie die Realität auf unseren Straßen, lautete der Slogan zwischen Weichspülerwerbung und Geldanlagegedöns.
Die Aufnahmen hatten zwar nicht lange gedauert, doch daran wird Patrick sich immer wieder gerne erinnern. Plötzlich war da ein Kameramann und die sexy Journalistin. Sie hatten ihn auf der Straße angesprochen, als er in einer Ecke an der U-Bahn-Station um ein paar Cent schnorrte. Patrick war es fast schon peinlich, dass er sich nicht gekämmt hatte. Aber so sah er halt immer aus. Wie soll man auch aussehen, wenn man auf der Straße lebt? 178 cm schmächtige Figur. Die Schultern etwas eingefallen und die Arme viel zu dünn. Dabei ging er regelmäßig zu einem Kumpel und stemmte Gewichte. So langsam hatte er die Schnauze voll davon, wenn man eh nichts davon sah.
Sein Gesicht ist schmal und endet an seinem spitzen Kinn. Graue Haut, Schatten unter den Augen und Bartstoppeln über der Oberlippe. Zwei Schneidezähne waren ausgefallen, als er damals eine volle Bierflasche ins Gesicht bekam. Jetzt klaffen dort die Lücken.

Gegröle seiner Freunde vor dem Fernseher und das Öffnen einer neuen Flasche Wodka im Hintergrund. Patricks Gesicht in Großaufnahme auf dem Bildschirm. Hinter ihm die graue Betonsiedlung und Jugendliche, die im Gras sitzen und rauchen.
Haltet doch jetzt mal die Schnauze, Ihr Penner! Ich will das da sehen und außerdem muss nicht jeder wissen, dass wir hier sind“, zischt er gequält heiser in den lauten Freundeskreis und nimmt einen großen Schluck aus der Flasche, die ihm gerade gereicht wurde. Es wird leiser und auf einmal sehen alle wie gebannt zu dem Fernseher und das Mikro, das von der hübschen Journalistin vor seinem Mund gehalten wird.
Patrick, wir sehen hier die Wohnsiedlung, wo du aufgewachsen bist. Erzähl mal – wie war das für dich hier und warum lebst du heute auf der Straße?“
Patrick räuspert sich, zieht an seinem Glimmstängel und pustet den Rauch schwadenförmig aus seinem Mund.
Ja, weiß nicht. War halt alles scheiße damals. Keine Kohle, meine Eltern haben sich dauernd gefetzt. Hatte halt keinen Bock mehr ...“
Gefetzt? Weshalb?“
Ach, keine Ahnung. Mein Alter war ständig besoffen und hat meine Schwester verprügelt. Meine Mutter ist dazwischen gegangen und – naja – dann hat er ihr halt mal eine gewischt, bis ihr Blut aus der Nase kam.“
Die Journalistin schluckt, fängt sich aber wieder schnell.
Und was hast du gemacht?“
Ich hab ihn angebrüllt, er soll das lassen, das feige Schwein.“
Und dann? Hat er dich auch geschlagen?“
Er hat's versucht, aber der kam nicht an mich heran, weil er so fett war“ grinst er.
Was hat er beruflich gemacht?“
Na arbeitslos, was sonst? Den wollte doch keiner mehr. Und Bock hatte der eh nicht!“
Und deine Mutter?“
Genauso. Die war auf Suff. Zwei Pullen Schnaps am Tag und sonst noch andere Sachen.“
Die Kamera blendet auf das Fenster der Wohnung im 6. Stock. Eine Männerstimme im Hintergrund erzählt etwas von Arbeitslosigkeit, Problemfamilien und Verghettosierung. Patrick atmet kurz durch und sieht die Journalistin an. In die könnte er sich verknallen, beschließt er.
Patrick, wie sah denn dein Alltag aus? Was war mit Schule?“
Naja, abgebrochen halt. Was sollte ich da?“
Was war das für eine Schule?“
Hauptschule hier um die Ecke. Ey, die waren alle bekloppt. Bin dann gar nicht mehr hingegangen.“
Keinen Abschluss?“
Nee, brauch ich nicht“ lacht er. „Komm auch so gut klar!“
Also, auch keine Ausbildung?“
Nee“
Hattest du als Kind nicht einen Traum, was du später mal werden wolltest?“
Keine Ahnung. Wie alle halt. Lokomotivführer oder Feuerwehrmann. Ich weiß nicht.“
Dafür hast du aber schon ordentlich kriminell was geleistet, oder?“ fragt die Journalistin mit anklagendem Unterton.
Patricks große Szene. Darauf hat er gewartet. Sollen alle mal sehen, dass er doch nicht so ein Schwächling ist wie alle behaupten.
Einmal saß ich schon ein paar Monate im Knast. Ging um Gras. Dann viele Schlägereien, obwohl ich nie etwas dafür konnte. Ich lass mich nur nicht provozieren. Das soll sich keiner wagen. Autoradios hab ich auch schon geklaut. Kommt halt einiges zusammen.“
Dieses Gefühl ist unbeschreiblich und völlig neu für Patrick. Zum ersten Mal empfindet er so etwas wie einen Lohn für seine Taten und es gefällt ihm immer mehr. Er ganz allein kann von seinem Leben erzählen und es hören ihm Leute zu. Immerhin ist er im Fernsehen in der besten Sendezeit und kann der ganzen Welt sagen, dass er gefährlich ist!
Hast du auch schon Menschen schwer verletzt?“
Er liebt diese Frage und kann es mit einem kurzen Schmunzeln kaum verbergen.
Noch nicht, aber ...“
Patrick wühlt in seiner Hosentasche und zückt kurz darauf ein Springmesser und einen Schlagring. Die Kamera geht auf Nahaufnahme, dann wieder zurück zu Patrick.
ich würde diese Teile einsetzen, wenn mich einer blöd anmacht.“
Aber, das sind doch gefährliche Waffen. Du weißt, dass die verboten sind?“ mahnt die Journalistin pflichtbewusst.
Patrick zuckt mit den Schultern. „Was soll's.“
Die nächste Aufnahme zeigt die Wohnsiedlung aus der Nähe. Die 75jährige Gerda M. kommt um eine Ecke. Angestrengt zieht sie einen Einkaufstrolley hinter sich her. Die Kamera ist auf ihr dickliches Gesicht gerichtet. Sie ist einer der vielen Bewohner, die Patrick von früher her kennen.
So, liebe Zuschauer – nun möchte ich Ihnen Gerda M. vorstellen. Sie kennt Patrick aus früheren Tagen. Frau M., erzählen Sie doch mal, was war der Patrick denn für ein Kind oder Jugendlicher? Wie haben Sie ihn erlebt?“
Frau M. wirkt nun angespannt, als müsste sich in jedem Moment ein Ventil öffnen. Worte stolpern über ihre Lippen.
Der Patrick! Um Himmels Willen! Das war ein Schurke, kann ich Ihnen sagen! Welch ein Segen, dass die ganze Familie weggezogen ist!“
So? Was haben Sie genau erlebt?“
Der Bub war rotzfrech, wissen Sie! Die haben direkt neben mir gewohnt. Immer laut! Und frech waren die! Der Vater immer betrunken und die Mutter auch. Nur das Mädel – ja, das Mädel tat mir schon leid.“
Ihre faltige Hand stützt sich auf den Griff des Trolleys.
Nur Unsinn hat der Patrick getrieben. Als Kind schon hat er mir an die Tür gespuckt und uriniert und manchmal dagegen getreten, so dass mir fast das Herz stehen geblieben wäre. Später als Jugendlicher hat er mir einmal 20 Euro gestohlen. Mitten auf der Straße, da hinten war das – sehen Sie! Bedroht hat er mich.“
Haben Sie ihn angezeigt?“
Aber nein! Die haben doch heute keinen Respekt mehr! Wer weiß, was er dann mit mir gemacht hätte? Man hört und sieht doch so viel! Aber der bekommt noch seine gerechte Strafe!“
Gerda M. winkt ab. Zu aufgeregt ist sie. Ein paar freundlich dankende Worte von der Journalistin für den Mut der alten Dame und das Bild wird ausgeblendet.
Werbung. Langweiliger Kram. Patrick schaltet den Fernseher aus und nimmt grinsend noch einen Schluck Wodka aus der Flasche.
Hast du die Alte gesehen? Was die für einen Scheiß gelabert hat?“ lacht ein Kumpel. Ein weiterer lacht mit, bis alle schmutzig lachen.
Seid leise!“ ermahnt Patrick. Wenn uns einer hört, Ihr Idioten!“
Die Freunde hören auf ihn. Noch mehr als sonst. Einer klopft Patrick auf die Schulter.
Hey Alter, du sahst ganz schön verschossen aus in die Tante mit dem Mikro!“ höhnt er. „Bist ja jetzt 'n Fernsehstar! Kannst uns der Hübschen ruhig mal vorstellen!“
Mann, halt die Klappe! Lass uns noch die Schränke durchschauen. Irgendwo muss hier Kohle liegen.“
Der Kumpel guckt ihn aus einer Mischung aus zu viel Wodka und Zweifel an.
Hey, lass uns hier heute pennen! Draußen ist es arschkalt, Mann!“
Biste verrückt! Hast du Bock, in den Knast zu wandern?“
Das merkt doch keiner!“
Schon vergessen?“ zischt Patrick und zeigt auf das verschlossene und stille Zimmer an der Wand gegenüber.
Kurz darauf werden Schranktüren geöffnet und Schubladen aufgerissen. Allerlei Papiere, Fotos und Porzellanfiguren fallen auf den Teppich.
Hier ist was!“ tönt Patrick stolz und wedelt mit einem Damenportemonnaie.
Mist! Gerade mal ein Zwanziger und ein paar Cent!“
Tja“, grinst der Kumpel. „Die Leute haben halt alle kein Geld mehr in der Tasche. Warum soll es denen besser gehen als uns?“
Jetzt macht schnell. Ich will weg hier.“
Was ist mit der Alten?“
Geh rein und bind sie los.“
Der Kumpel gehorcht und geht in das Zimmer. Ein Bett steht in der Mitte des quadratischen Raumes. Sofort macht der Kumpel einen Schritt zurück.
Du, Patrick! Da stimmt was nicht!“
Patrick sieht in den Raum und zu dem Heizkörper, an dem Gerda M. gefesselt sitzt. Ihr Kopf lehnt schlaff gegen die Wand. An der Wange klebt dunkles Blut, das zuvor aus der Schläfe geströmt ist.
Mann Alter, hättest du so doll draufhauen müssen?“ fragt der Kumpel. „Ich glaub' die ist tot, oder?“
Patrick atmet tief durch. Seine Augen sind missfällig auf Gerda M. gerichtet, die ihm fast die Show gestohlen hätte.
Scheiß egal! Was labert die auch so einen Müll! Das ist nun die Quittung!“
Der Kumpel wird nervös.
Du, das ist mir 'ne Nummer zu groß! Hey Alter, die ist tot! Kapierst du das?“
Patrick zeigt keine Regung.
Na und, vielleicht kommt das ja auch in der Glotze!“ sagt er zum Schluss und schließt die Tür zum Zimmer, in dem das lange Leben von Gerda M. ausgeblendet wurde – einsam und ohne Kameramann.

(c) Guido Lemmel 2010





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