Hauptmenü
Gedankenstrudel
Unter dem aschgrauen Veloursteppich knarren die alten Dielen. Werners Schritte sind langsam und jeder einzelne überlegt. Das ist sicherer. In seinem Alter sind Stürze kein Pappenstiel.
Er dreht den Fensterknauf zur Seite. Abendluft strömt in sein Gesicht. Ein Bouquet aus Muff, Abgasen und trockenem Straßenstaub verlebter Winkel drei Stock unter seinem Fenster. Er hatte sich schon oft gefragt, ob er diese Luft vermissen würde, wenn er in Portugal am Strand säße. Wenn ihn anstelle des Berliner Kiezmiefes salzige Atlantikluft umwehen dürfte. Nein, schüttelte er den Kopf, es ist doch nur ein Traum. Ich alter Mann komm da nicht mehr hin und außerdem würde das Geld nicht mal für die billigste Bude reichen. Schlag dir das aus dem Kopf! Punkt und Schluss.
Ein paar Autos holpern über das Kopfsteinpflaster. Die ersten Geschäfte machen dicht. Werbeaufsteller und Verkaufsständer werden in die Läden zurück gebracht. Es ist 20 Uhr. Zeit für die Nachrichten, doch Werner hat kein Interesse mehr für das Weltgeschehen in der Glotze. Seine Welt ist auf überschaubare Rituale geschrumpft – und natürlich auf seinen geliebten Traum von Portugal. Vielleicht ändert sich ja mal was in seiner 70 Meter langen unbedeutenden Querstraße, in der er schon fast ein halbes Leben wohnt. Wer weiß das schon?
Einige Mitarbeiter aus den Läden pfeifen fröhliche Melodien, andere bewegen sich routiniert lustlos. Werner beobachtet die, die pfeifen. Er hatte selbst mal einen Laden mit Zeitungen und Tabak. Zu wenig zum Reichwerden, aber alles zum Leben. Wenn er die Angestellten da unten so sieht, dann ist es, als sähe er in die Vergangenheit und auf sich selbst – den gesunden, zielorientierten und voll Eifer steckenden Mann, der er einmal war.
Werner hat lange gebraucht um zu begreifen, dass nicht unbedingt harte Schicksalsschläge ein Leben zerstören können. Nein, für ihn ist es vielmehr dieser unmerkliche und schleichende Prozess der Verkümmerung. Dieser ewig lange Weg ohne einer Kreuzung. Seine Frau hatte ihn verlassen, nachdem der eigene Laden zwei Straßen weiter dicht gemacht wurde. Jetzt steht da ein Einkaufszentrum. Seine beiden Söhne melden sich nur selten, leben ihr eigenes Leben von Hartz 4 und verlorenen Träumen, so wie Werner Tag für Tag die Eintönigkeit wie Dosenfutter frisst. Meistens schmeckt's, aber manchmal könnte er kotzen.
Tom und Ben sind eigentlich gute Söhne. Wenn sie mal da sind, dann tun sie meistens so, als würde ihnen das alles nichts ausmachen. Es würden schließlich bessere Zeiten kommen. Raus aus der Arbeitslosigkeit nach zehn Jahren. Dann denkt Werner immer, dass seine Söhne noch größere Träumer sind als er selbst.
Als er wieder den Blick schweifen lässt, erkennt Werner sofort, dass da draußen vor der Drogerie etwas nicht stimmt. Zwei Männer, von oben bis unten schwarz gekleidet und mit Cappie auf ihren Köpfen, stehen direkt vor der bereits geschlossenen Ladentür. Der eine Typ klebt sein Gesicht an die Scheibe, der andere sieht prüfend nach links und rechts. Dann schwenkt sein Blick die Häuserfront hinauf bis zu Werner, der sofort seinen Kopf hinter die Gardine versteckt. Durch die Maschen des Polyesters wirkt die Gestalt verzerrt und unheimlich fremdartig. Dennoch glaubt Werner, sie schon einmal gesehen zu haben. Vielleicht von früher? Viel Zeit zum Überlegen bleibt ihm nicht. Plötzlich geht alles ganz schnell. Wie einstudiert stößt der eine Typ die Ladentür schroff auf. Er schleicht hinein, der andere hinterher, nachdem er etwas aus seiner Jackentasche hervorgeholt hat. Mehr kann Werner nicht erkennen, doch er lässt die Tür nicht aus seinen Augen. Die Straße ist verlassen.
Dann ein Knall! Grell, scharf und bedrohlich! Ein zweiter folgt hinterher. Werner zuckt zusammen und sieht Schatten am Ladenfenster. Die beiden Kerle rennen gegen die Tür, stoßen sie unkontrolliert auf. Der eine hält eine Plastiktüte in der Hand und meckert seinem Komplizen einige Wortfetzen ins Gesicht. Sie blicken sich um und wirken irritiert. Noch einmal schaut der eine Typ prüfend zu dem Fenster hoch, wo Werner noch immer hinter der Gardine steht und versucht, seine Gedanken zu ordnen. Dann rennen sie die Straße hinunter und flüchten in eine Seitengasse.
Werners Herz rast. Er blickt zum Telefon auf dem Wohnzimmertisch. Polizei rufen, fällt ihm ein, doch dann übermannt ihn Angst. Der Typ hat ihn doch gesehen. Was ist, wenn er zurück kommt und mit Werner sonst etwas anstellt? Er fühlt sich wie ein Gummiband, an dessen Enden Gewissen und Furcht mit aller Kraft ziehen. Was passiert ist, das ist passiert, denkt er. Die Polizei kann das auch nicht mehr rückgängig machen. Aber es ist doch meine Pflicht – gesetzlich wie moralisch. Wo sind meine guten Grundsätze hin? Bin ich feige und nicht besser als die, die ich aus der Ferne verurteile?
Das Telefon bleibt unberührt – den ganzen Abend lang. Er fragt sich, ob er der Einzige war, der die Schüsse gehört hat. Keine Polizeisirenen fegen durch die Straße – nichts passiert. Diese Stille ist so ungewöhnlich erdrückend, als schwebe Werner in einer Art Zwischenwelt, die nur für ihn bestimmt ist. Sofort fällt ihm Portugal ein und seine Augen bekommen dieses sonderbare Glitzern. Das passiert immer, wenn er sich an diesen Ort träumt. Er denkt sich an den Strand von Faro, schmeckt den lieblichen Portwein auf seinen Lippen und atmet salzige Atlantikluft, als wäre er wirklich dort. Ihm Hintergrund hört er die Möwen schreien. Sie werden lauter, unangenehm schrill für einen Traum. Dann sieht er ängstlich zum Flur.
Sein Herz stockt, als es heftig an der Wohnungstür schellt. Die Realität ist wieder da. Angst kriecht in ihm hoch. Vorsichtig schleicht er zur Tür, sieht zu dem runden Spion, dreht die kleine Schutzkappe zur Seite und drückt leise sein Auge an das Guckloch. Im Treppenhaus brennt die kleine Lampe an der Wand. Niemand ist zu sehen, doch ein Rascheln kann er gut hören. Dann zuckt Werner schlagartig zusammen, als eine dunkle Gestalt in das Sichtfeld kippt. Sie ist so beängstigend nahe. Wenige Zentimeter zwischen Auge und Körper. Wieder schellt es. Zweimal, dreimal – Werner starrt verkrampft durch den Spion. Die Gestalt geht etwas zurück, wird kleiner und deutlicher. Werner erkennt das Gesicht des Mannes - es sind die vertrauten Züge seines Sohnes Ben. Erleichtert pustet Werner die angehaltene Luft aus seiner Lunge und öffnet die Tür.
„Ben! Mensch bin ich froh, dass du es bist!“
„Grüß dich Paps!“
Werner bemustert den Sohn.
„Was ist los? Du wirkst nervös.“
„Lass mich erstmal rein. Ich kann nicht lange bleiben, bin in schrecklicher Eile.“
Ben betritt den Flur. Sichtlich irritiert eilt er ins Wohnzimmer, sieht Werner dann fragend an.
„Du weißt es, oder?“ fragt er schleppend.
„Was weiß ich? Ist etwas mit deinem Bruder? Komm, sag schon!“
Ben wühlt in der Innentasche seiner Lederjacke, holt einen dicken Briefumschlag hervor und lässt ihn lässig auf den Tisch fallen.
„Was ist das?“
„Mach ihn auf.“
Werner berührt den Umschlag wie ein rohes Ei.
„Aber..., Mensch, das ist ja Geld! Lauter Scheine!“
„Dreitausend Euro, Paps – drei fette Riesen“, wiederholt Ben und lächelt schräg.
„Aber wie kommst du...“
„Du hast es doch vorhin gesehen.“
Werner hält inne und versucht, den aufsteigenden Gedanken auszulöschen.
„Erzähl mir bitte nicht, dass du – dass Ihr vorhin ...“
„Doch Paps! Genau das haben wir.“
Werner muss sich auf einen Stuhl setzen.
„Sag mal, seid Ihr völlig verrückt geworden? Was ist mit Tom? Wo hast du ihn gelassen?“
„Der ist erstmal untergekrochen. Sicher ist sicher!“
„Um Himmels Willen! Was ist aus Euch geworden?“
„Fast acht Riesen, Paps. Das ist aus uns geworden. Und die die drei im Umschlag gehören dir. Du wolltest doch schon immer mal nach Portugal. Deshalb bin ich hier.“
„Bist du wahnsinnig! Das ist geklautes Geld!“ brüllt Werner.
„Nicht so laut, Paps.“
„Ich nehm das nicht. Auf keinen Fall. Steck es meinetwegen ein. Ich will nichts damit zu tun haben.“
„Paps, denk an Portugal. Wie oft hast du uns von deinem Traum schon erzählt. Nun kann er Wirklichkeit werden. Greif einfach zu. Die Zeiten sind halt so. Jeder muss zugreifen, solange er kann.“
„Aber doch nicht auf Kosten unschuldiger Menschen, Junge!“ predigt Werner.
„Es gibt sie nicht – diese unschuldigen Menschen. Jeder muss sehen, wo er bleibt.“
Werner sieht seinen Sohn prüfend an.
„Wie bist du nur so geworden?“ fragt er leise mehr zu sich selbst, als zu Ben.
„Mach dir keine Gedanken darüber. Nimm das Geld und hab' ne schöne Zeit in der portugiesischen Sonne!“
„Dass du das so leicht nimmst.“
Ben nimmt seinen Vater in den Arm und verabschiedet sich.
„Ich muss los. Es ist besser so. Und schalte am besten nicht mehr die Nachrichten ein und lies morgen keine Zeitung. Glaub mir, ist besser so. In ein paar Wochen ist Gras drüber gewachsen und dann kannst du mir von Portugal erzählen.“
„Aber der Schuss! Habt Ihr jemanden verletzt oder gar getötet?“
„Denk nicht drüber nach. Alles kam anders als wir dachten. Aber wir haben die Knete!“
Als Ben die Wohnungstür hinter sich schließt, sieht Werner zu dem Umschlag. Er ist ratlos, aber auch beschämt und wütend zugleich. Er denkt wieder an Portugal, weil ihn das beruhigt, und dann an die Worte von Ben über die unschuldigen Menschen, die es nicht gibt. Er schließt die Augen und hält sie lange geschlossen.
Als er sie wieder öffnet, riecht er die salzige Atlantikluft und schmeckt den lieblichen Portwein auf seinen Lippen. Doch zum ersten Mal fehlt das Glitzern in seinen Augen.
(c) Guido Lemmel 2010