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Bis nach unten

Gedankenstrudel

Im neunzehnten Stock wurde es dunkel. Die Lichtknöpfe an den Wänden flimmerten glutrot in die Schwärze. Drahtseile rappelten metallisch im hohlen Schacht. Die Kabine war endlich da. Schiebetüren zischten zur Seite.
Als Sam die schwere Eisentür zum Aufzug öffnete, durchzog ihn ein eisiger Blitz. Ein fremder Mann mit fahlem Gesichtsausdruck stand unter der summenden Neonröhre. Graue Schatten lagen in seinen Wangen.
Es war zwei Uhr in der Nacht. Mit einem kurzen Kopfnicken grüßte er den Fremden, welcher mit derselben Geste kühl den Gruß erwiderte. Das Gesicht des Mannes kam Sam bekannt vor. Er hatte etwas Bohrendes in seinen düsteren Augen, so als würde er Sam die Angst ansehen und nach deren Ursachen wühlen. Normalerweise schauen die Menschen verunsichert auf den Boden, wenn sie sich gemeinsam im Aufzug befinden. Der Fremde aber war anders. Sam konnte ihm nicht lange in die Augen sehen. Unsicher rutschte sein Blick weg, hilflos suchte er einen Punkt, den er fixieren konnte. Doch der Fremde schien ihn weiter anzustarren.
Die Kabine ruckte in Richtung Erdgeschoss. Eine blaue Digitalanzeige zeigte das jeweils zurückgelegte Stockwerk an.
Wusste der Fremde vielleicht etwas? Sam wagte nicht daran zu denken. Sein Plan war einfach perfekt. Niemand würde jemals herausfinden, was heute Nacht im neunzehnten Stock geschehen war.
Doch als er an sich hinunter sah, schien seine verkrampfte Kehle fast zu zerbersten. Er hatte vergessen, das Blut von seinen hellen Turnschuhen zu entfernen. Seine Handflächen fühlten sich wie warmer Schlamm an. Nervös biss er sich auf die Unterlippe. Die digitale Ziffer zeigte auf Stockwerk 16.
Der Fremde erhaschte erneut Sams unruhigen Blick und einen winzigen Moment lang schienen seine zuvor bewegungslosen Lippen ein Lächeln in sein versteinertes Gesicht zu meißeln, welches kurz darauf fast unbemerkt zerbröselte. Wer war dieser Mann? Woher kannte Sam ihn?
Der Aufzug stoppte. Die Seile kamen zum Stillstand. Das Rauschen und Klappern verstummte bis nur noch der Windsog aus dem Schacht zu hören war. Zwölfter Stock. Nichts passierte. Doch durch das kleine neblige Fenster in der Eisentür sah Sam plötzlich die Silhouette einer kräftigen Statur. Angst kroch in ihm hoch. Die Sekunden schienen nicht zu vergehen. Sie bissen sich in Sams steifen Nacken. Die Silhouette rührte sich nicht. Keine Bewegung, kein Geräusch, kein Öffnen der schweren Eisentür - nicht einmal das Atmen des Fremden in der Kabine konnte Sam hören. Er beobachtete das Schattenbild, welches ebenfalls Sam zu beobachten schien. Plötzlich näherte sich ein Gesicht von außen an das diffuse Fensterglas der Eisentür bis sogar die dunklen Augenbrauen verschwommen zu erkennen waren. Sam zuckte zurück. Dann zischten die Schiebetüren zusammen und der Aufzug setzte sich wieder in Bewegung.

Der Fremde hatte ein Sternenmeer glitzernder Schweißperlen auf seiner festen Stirn. Ein wenig blähten sich seine Nasenflügel auf. Erleichterung stand in seinem Gesicht. Quälende Fragen prallten in Sams Kopf aufeinander. Dennoch versuchte er sich zu beruhigen. Was sollte der Fremde schon wissen? Niemand kannte Sams Plan. Keine Menschenseele hatte überhaupt eine Ahnung von den Ereignissen, die Sam heute seine schwärzeste Seite im Licht erhellen ließ. Was er getan hatte war nicht zu umgehen.
Der neunzehnte Stock über Sams Kopf ruhte noch immer unbemerkt dem Tag entgegen. Dieser Betonklotz beherbergte eine Schar von Alltagsfamilien und undurchsichtigen Einzelgängern. In wenigen Stunden würden Sirenen durch die Luft gellen, doch keiner würde es wirklich registrieren, dass der neunzehnte Stock nichts weiter als eine gleichmäßige Addition menschlicher Abnormitäten geworden war. Sam musste weg hier.
Der mysteriöse Mann sah ihn wieder an, bis der Aufzug ein letztes Mal stoppte. Erdgeschoss. Sam war angekommen. Er wischte sich die Schweißperlen von seiner festen Stirn und sah zu dem Fremden, lächelte ihn unbekümmert an, welcher genauso unbekümmert zurücklächelte. Sam ging ganz nah zu ihm heran bis sich beide Nasenspitzen fast berührten. Die Worte, die Sam zu ihm sagte, waren wirr und unverständlich. Nur der feuchte Atem ließ einen grauen Schleier auf dem Wandspiegel zurück. Sam verließ die Kabine und verschwand in der Nacht.

(c) Guido Lemmel 2005


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