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Blut

Gedankenstrudel

Nacht.

Es war wieder dieser hässliche Traum, der Ron aus dem Bett trieb. Er alleine in einer geschlossenen Kugel, die haltlos in die Tiefe fällt. Alles dunkel und beklemmend eng. Ein Albtraum.
Er ging in die Küche. Der Boden seiner Hütte knarrte. Im Fenster brannte eine Kerze. Das gleiche mechanische Spiel wie beinahe jede Nacht. Die halbe Flasche Portwein vom Vorabend stand noch da. Schmeckte irgendwie schal. Die Kohle im Ofen glühte nur noch schwach. Kälte hatte sich bereits durch die Balken gefressen. Ron hatte sich daran gewöhnt. Seit Jahren schon.
Es war seine Entscheidung gewesen. Hier draußen im Wald war er am besten aufgehoben. Nach 20 Jahren Knast passte er nicht mehr in die normale Welt.
„Eine Bestie“, hatten ihn die Zeitungen genannt. „Ein Tier ohne Krallen und Reißzähne. Ein Wolf mit Stupsnase und weicher Haut.“
Sein Gesicht sah verbraucht aus. Erloschene Gier hinter stumpfen Pupillen, abgewetzte Fingernägel und eingerissene Haut an den Händen. Die Tätowierungen an den Armen waren längst verblasst.
Ron dachte schon lange nicht mehr darüber nach, was er einmal getan hatte oder wer er einmal gewesen war. Zu unwichtig erschien ihm das. Ein irreparabler Schaden in seinem Kopf. Seine Opfer taten ihm zwar leid, aber genauso leid tat ihm auch das Reh, das er für sein Überleben erschießen musste.
Niemand hatte wirklich jemals herausgefunden, warum er so viele Menschen getötet hatte. Seine Kindheit verlief unauffällig, seine zwei Ehen waren nicht anders als andere Ehen. Und doch zog es ihn immer wieder raus in die dunklen Gassen seiner Stadt, um neue Opfer zu finden. Es war ja nicht so, dass er aus sexuellem Trieb heraus tötete, nein – die Motivation schien viel simpler zu sein. Ron mochte das warme Blut und liebte dessen Geruch, wenn es aus der Wunde sickerte. Er hatte nichts gegen seine Opfer. Im Gegenteil, mit einigen pflegte er so etwas wie eine Freundschaft, bevor er sie tötete. Dennoch rochen und schmeckten Fremde besser als Freunde. Und sie wimmerten nicht so lange. Ein Bauer gibt seinen Schweinen ja auch keine Namen!
Jede Nacht saß Ron an seinem Küchentisch und sah gedankenverloren durch das Fenster in die Dunkelheit. Doch heute war etwas anders da draußen. Hinter seiner Blockhütte grenzte ein Streifen dichter Wald bis zu einer kleinen Lichtung mit einem seit Jahren unbewohnten Haus darauf. Noch nie hatte er dort jemanden gesehen, doch jetzt leuchtete ein Fenster gelblich in die Nacht. Soweit Ron es wusste, hatte der verstorbene Eigentümer – ein alter Mann – keine Angehörigen mehr. Wer also sollte um diese Zeit in dem Haus sein?
Ron blies die Kerze aus. Irgendwie hatte er das Gefühl, nicht entdeckt werden zu dürfen. Nichts tat sich. Keine Bewegungen hinter dem fremden Fenster, nur das lockende Licht.
In der jahrelangen Einsamkeit war Ron neugierig geworden. Angst oder gar ein schauriges Gefühl empfand er nicht.
Den letzten Schluck Portwein, dann zog er sich seinen schweren Parka über. Die Gummistiefel waren eisig. Kühle Luft schnitt ihm ins Gesicht, als er die Tür öffnete. Er hielt den Atem an, um ein fernes Geräusch hören zu können. Aber es war still wie jede Nacht.
Unter seinen Stiefeln knackten trockene Äste. Eine Lampe besaß er nicht. Gewöhnlich schlich er nachts nicht draußen herum. Immer weicher wurde der Boden. Es roch nach Moos und modriger Erde.
Schleichend, vorsichtig tapsend kam Ron dem Haus näher. Es war groß. Zweistöckig mit Spitzdach. Davor der verwilderte Vorgarten.
Deutlich sah er jetzt das erleuchtete Giebelfenster. Sein Schein legte sich wie ein Teppich über das hohe Gras. Von außen sah alles unberührt aus. Er wusste, dass innen alles ausgeräumt war. Irgendwann einmal hatte er am Tage durch die unteren Fenster geschaut.
Umkehren wollte Ron jetzt nicht mehr. Zu stark war seine Neugier. Drei morsche Stufen führten zu der Eingangstür. Der runde Eisenknauf war kalt und ließ sich nur mühsam drehen. Der rostige Riegel befreite die Tür aus ihrem Rahmen. Der Raum roch nach Staub und Lampenöl. Kein einziges Möbelstück war zu sehen. Nur ein alter Stuhl stand an der Wand. Wie trockene Herbstblätter hingen die Lackreste an dem Holz. Geradezu führte eine Treppe in das obere Stockwerk. Wieder hielt Ron den Atem an, um etwas zu hören. Nichts.
Die Stufen ächzten unter seinen Füßen. Ein langer Flur erstreckte sich vor ihm. Drei Zimmer gingen seitlich ab. Die Tür des mittleren stand halb geöffnet. Ron schlich voran und stieß sie sanft nach vorn. Die Scharniere knirschten. Zwei Öllampen standen unter der Fensterbank auf dem Boden. Ihre Flammen brannten satt und gelb. Der Raum maß nicht mehr als fünf Schritte von Wand zu Wand. Rons suchender Blick haftete auf der Mitte des Dielenbodens, wo ein offenbar alter Blecheimer mit geschlossenem Deckel seine Neugier erwecken sollte.
Was soll das hier, fragte er sich. Wer stellt einen Eimer in einen beleuchteten Raum? Der Griff des Deckels und das gesamte Metall des Eimers waren warm. Verunsichert hob Ron den Deckel an und ehe sich seine Augen an das matte Licht gewöhnt hatten, roch er das, was vor vielen Jahren seine Gier aus dem Abgrund gelockt hatte. Blut.
Halb geronnene Klumpen schwammen wie Inseln in der zähen Masse. Bestimmt ist es von einem Tier, dachte Ron und schob den Deckel zurück auf den Eimer. Eines war ihm klar. Jemand hatte ihn absichtlich hierher gelockt. Das Blut galt ihm.
Plötzlich Schritte. Eilige, heftige Schritte. Noch ehe Ron sich umblicken konnte, knallte es auf seinem Schädel. Seine Ohren schienen zu platzen. Er taumelte, verlor die Orientierung. Verschwommen sah er einen kräftigen Arm auf sich zukommen. Etwas Hartes rammte sich in seine Brust. Keuchendes Stöhnen quoll aus seinem Mund. Ihm wurde übel. Sein matter Blick vernahm nur noch verschwommen die grinsende Fratze eines Mannes. Dunkelheit. Taub und wehrlos summten seine Sinne ins Leere.
Kälte auf seiner Haut.
Als Ron seine Augen öffnete, dachte er wieder an seinen nächtlichen Albtraum. Wieder diese Enge und erstickende Platzangst. Er atmete tief durch. Es war kein Traum. Die Schmerzen in seiner Brust und das Dröhnen in seinem Kopf zogen ihn zurück in die Wirklichkeit. Er lag nackt auf dem Rücken. Seine Hände über Kreuz gefesselt. Über ihm die kalte Nacht und überall feuchte, schwarze Erde. Sein Atem pulsierte unkontrolliert hektisch. Rings herum zusammen genagelte Bretter. Der Unbekannte hatte ihn in eine Holzkiste gelegt. Regungslos tief in der Erde sehnte Ron sich nach seinem Albtraum. Er schrie.
„Hey, lass mich hier raus, du Dreckskerl! Ich mach dich fertig!“
Panik stieg in ihm hoch. Schmerzen spürte er nicht mehr. Zu groß war die Angst.
Ein Lichtkegel schien in sein Gesicht. Über ihm heiseres Kichern.
„Lass mich raus, hörst du! Hast ja deinen Spaß gehabt, also lass mich hier endlich raus!“
Das Kichern verwandelte sich in Gelächter. Dann wurde es ruhig. Der Mann hob den Blecheimer in die Höhe und goss das warme Blut über Rons nackten Körper. Es klatschte auf seinem Bauch und sickerte in jede Lücke, die diese enge Kiste bot. Der nächste Schwall traf sein Gesicht. Die Masse verteilte sich in Nase und Ohren. Seine Augen verklebten. Er schmeckte das Blut auf seinen Lippen.
„Lass mich doch hier raus!“ Verzweiflung.
Der leere Eimer schepperte auf Rons Beine. Seine Kleidung – der schwere Parka und die Stiefel – plumpsten hinterher wie weggeworfener Unrat. Der Unbekannte holte tief Luft.
„Ungefähr so viel Blut mussten deine Opfer vergießen. Jetzt sollst du darin ersticken, du widerliches Stück Dreck!“
„Was hast du vor?“ wimmerte Ron, als ein großes Brett über die Kante der Grube kippte.
„Genieß die Ruhe“, lachte der Unbekannte.
„Hey! Bitte nicht!“
Eine Handbreit über Rons Nase knallte der Deckel auf die Kiste. Er hechelte und versuchte sich aufzubäumen. Kraftlos sackte er wieder zurück. Tränen vermengten sich mit dem Blut auf seinem Gesicht.
„Bitte nicht“, flehte er in die kleinsten Winkel seines Grabes. Erdklumpen prasselten auf den Deckel und rollten wie kleine Murmeln darüber. Dickere Haufen fielen hinterher. Ron hörte nur noch entfernt die Spatenstiche über sich. Sein Herz pochte durch seine verkrampfte Brust. Seine Augen weit aufgerissen starrten ins Schwarze. Die Luft stickig und feucht. Lebendig begraben.
„Bitte nicht“, keuchte er leise. Er wurde müde. Seine Lider sackten ab. Das Zittern in ihnen verebbte. Ein wenig noch schmeckte er das vergossene Blut auf seinen Lippen.
Das Fenster wurde dunkel und eine kühle Brise streifte über einen lockeren Erdhügel im verwilderten Vorgarten eines längst unbewohnten Hauses.

Morgengrauen.

(c) Guido Lemmel 2007


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