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Böse Macht

Gedankenstrudel

November 2031.

Die Geräusche der Straße kamen zurück. Erst leise, dann wie in einem Autobahntunnel. Kalter klammer Wind wirbelte um Marks Beine herum. Sein Kopf hing bleiern auf seiner Brust. Der Mund ein Spalt geöffnet. Er atmete.
Er saß auf einer schäbigen Holzbank. Hinter ihm ein paar Meter blattloses Gebüsch bis zum Rand der belebten Straße. Vor ihm ein matschiger Fußweg und ein Geländer, dessen weißer Anstrich in der Dunkelheit hell leuchtete, dahinter ein Streifen Gras und der rauschende Fluss. Mark Wood war allein. Aber wie war er hierher gekommen? Und warum?

Er sah sich um. Sein Kopf brummte und sein sonst so glattes Haar stand in allen Richtungen. Marks Finger schmerzten als er sie streckte. Er legte seinen Kopf in den Nacken und sah nach oben. Schwere Wolken zogen am finsteren Himmel entlang. Darüber die halbe Mondsichel, die manchmal durch eine freie Lücke schimmerte. Mark konnte sich einfach nicht erinnern, was passiert war. Er hatte ein paar Tassen Kaffee getrunken, bevor er zur Spätschicht gehen wollte. Zuletzt hatte er die Wohnungstür zugezogen. Das musste Stunden her sein. Danach nichts als Leere. Iris machte sich bestimmt schon Sorgen. Oder ihr war es egal, so wie alles in letzter Zeit.
Er griff in seine Manteltasche. Erst die eine, dann die andere, außen und innen. Sein Wohnungsschlüssel war noch da, aber sein Handy war weg. Mark sah neben sich und hoffte, es irgendwo liegen zu sehen. Nichts. Dafür fand er etwas Anderes. Neben ihm, halb von seinem Mantel überdeckt, lag eine Brille. Einfacher goldener Rahmen und dünne eckige Gläser. Sie sah teuer aus. Mark trug aber keine Brille. Ihm wurde flau. Er hatte das Gefühl, dass hier etwas nicht stimmte und steckte die Brille vorsichtig in seine Innentasche. Dort stieß sein Finger auf ein Stück Pappe. Eine Visitenkarte. Das Licht reichte gerade noch aus, um die Schrift lesen zu können.
Richard Grey, Paartherapeut“
Darunter eine Telefonnummer und eine Straße, die Mark nicht kannte.
Paartherapeut? Wer braucht denn so was, fragte er sich. Mark stand auf und sah sich um. Wie nach einem Saufgelage fühlte er sich. Ein paar Meter weiter lag ein schmaler Pfad, der durch das Gebüsch zur Straße führte. Hier war es heller. Laternen beleuchteten den Weg. Plötzlich konnte Mark seinen Blick nicht von der Häuserfront gegenüber loslassen. Er kannte diese Silhouette aus Beton und weißem Putz. Das Bild fügte sich wie ein Puzzlespiel vor seinen Augen zusammen. Hausnummer 32, dritte Etage – dort wohnten Mark und Iris seit vier Jahren zusammen. Die Fenster waren dunkel. Vielleicht war Iris nicht zu Hause.
Er suchte nach einer autofreien Lücke und spurtete über den Damm. Ständig fragte er sich, warum er sich an nichts Weiteres erinnern konnte. Es machte ihm Angst.
In der Häusersiedlung war es um diese Zeit ruhig. Ein gähnender Mann mit einem Mops schlurfte in Turnschuhen Gassi. Er schien Mark gar nicht zu bemerken. Die Nummer 32 stand fett über der Klingeltafel. Der dritte Stock, Name Wood stand neben einem Leuchtknopf.
Ein warmer Luftstrom kam ihm entgegen, als er die Tür öffnete. Mark nahm die Treppen. Der Aufzug wäre ihm jetzt zu eng. Dann erstreckte sich der weite Gang vor ihm. Es war so unheimlich still, als würde niemand hier wohnen.
Hinter der Wohnungstür war es genauso still wie im Hausflur. Sie war nicht verriegelt, nur ins Schloss gezogen. Seltsam! Iris sperrte normalerweise alles zu, egal, ob sie daheim oder auswärts war.
Iris? Bist du da?“
Kein Licht. Der Kühlschrank summte in der Küche. Nochmal rief Mark ihren Namen. Nichts. Er schaltete das Licht im Flur ein.
Die Badtür stand offen. Iris?
Im Wohnzimmer sah es wüst aus. Die Vase auf dem Tisch war umgefallen. Blumenwasser hatte sich auf dem Teppich darunter verteilt. Was war hier los?
Die Tür zum Schlafzimmer war geschlossen. Vielleicht schlief Iris ja nur. Mark hatte ein mulmiges Gefühl. Die letzte Zeit lief es zwischen ihnen sowieso nicht so gut. Iris schien öfter in ganz anderen Gedanken zu hängen. Sie schenkte Mark nicht mehr die Aufmerksamkeit, die er gewohnt gewesen war. Und jetzt das! Diese blöde Situation. Irgendwie musste es doch für alles eine Erklärung geben. Was war in den letzten Stunden nur passiert?
Die Schlafzimmertür quietschte etwas. Mark schaltete das Deckenlicht ein. Plötzlich stockte sein Atem.
Iris lag bäuchlings auf dem Bett neben einem geöffneten, leeren Koffer. Sie hatte ihr schwarzes Nachthemd an. Ihre nackten Arme lagen schlaff an ihrem Körper. Mark ging näher heran. Iris' Kopf war zur Seite gedreht. Blass wirkte ihr Teint. Ihr Augen waren geschlossen. Beklommene Ruhe. Sie bewegte sich nicht.
Iris. Wach auf!“ sagte er leise. Dann lauter, wieder und wieder. Doch Iris reagierte nicht.
Er berührte sie an der Schulter. Ihre Haut war kalt und trocken. Plötzlich fuhr Mark hoch und starrte den leblosen Körper an.
Nein, das kann nicht sein, dachte er und drehte Iris auf den Rücken. Sie wirkte so schwer wie ein Sack voll Sand, dabei war sie doch so zierlich. Ihr Kopf fiel zur anderen Seite und legte den violetten Streifen an ihrem Hals frei. Mark sah das Verlängerungskabel auf dem Kopfkissen und ihm wurde klar, dass Iris einem Verbrechen zum Opfer gefallen sein musste. Sie war tot.
Mark sammelte sich. Keine Zeit für Entsetzen und Trauer. Nur das seltsame Gefühl, dass der Vorfall sehr nahe zu den Ereignissen der Nacht stand.
Er ging zum Telefon, wählte die Nummer der Polizei und legte wieder auf, bevor eine Verbindung zustande kam. Ihm war wieder diese Visitenkarte des Paartherapeuten eingefallen. Er kramte sie aus seiner Tasche. Dann fuhr es ihm wie ein Blitz durch den Kopf. Richard Grey. Richtig! Das war der Mann, bei dem Iris und Mark ein paar Mal waren. Der letzte Anker für die öde Beziehung. Mark fand diese Sitzungen lächerlich und kam sich dabei meist bescheuert vor. Kaum zu glauben, dass es ursprünglich Marks Idee war, diesen Typen zu besuchen. Und hatte Richard Grey nicht immer so eine unpassend eckige Brille in seinem nicht weniger kantigem Gesicht?
Mein Gott! Die Brille, dachte Mark und fasste in seine Jackentasche. Es gab keinen Zweifel. Es war die Brille von Richard Grey. Aber warum hatte Mark sie auf der Parkbank gefunden?
Er sah zu dem toten Leib auf dem Bett und noch kam es ihm so unwirklich vor. Alles schien so irre in dieser Nacht.
Irgend etwas hatte es mit Richard Grey auf sich. Es war nur ein Bauchgefühl, aber Mark wusste, dass Iris ohne diesen Therapeuten noch leben würde.
Er sah sich noch einmal die Brille an, klappte die feingliedrigen Bügel auseinander und hielt sie sich vors Gesicht. Plötzlich fuhr ihn ein dumpfer Schmerz durch den Magen, als sich vor den Brillengläsern ein ganz anderes Bild abzeichnete. Um Himmels Willen! Was war das?
Mark schniefte wild. Er war sich sicher, dass er in dem Bruchteil der Sekunde sich selbst hinter der Brille gesehen hatte. Das ist doch verrückt, murmelte er. Und dann, wie von einem Zwang überwältigt, führte er die Brille an sein Gesicht und drückte die etwas zu engen Bügel an seine Schläfen vorbei, bis die Gläser ganz dicht vor seinen Augen saßen. Verschwommen war sein Blickfeld, doch nach ein paar Wimpernschlägen wurde die Sicht klar. Mark konnte es nicht fassen. Was für eine Technik war das bloß?
Er setzte sich auf das Bett und stieß mit seiner Hand an den kalten Fuß von Iris. Dann erschienen Bilder vor seinen Augen. Marks Kopf war leer. Er glaubte nicht an Zauberei und irgendeinen Humbug. Aber das hier war zu viel. Gebannt verfolgte er das Geschehen.
Da standen er selbst und Iris in der Küche hier in der Wohnung. Sie trug das schwarze Nachthemd und schien zu fluchen. Durchs Fenster sah er die untergehende Sonne. Gerade erst ein paar Stunden her. Früher Abend.
Ihr Blick wirkte verzerrt und die Worte aus ihrem Mund überschlugen sich.
Ich halte dieses triste Leben nicht mehr aus!“ schrie sie Mark ins Gesicht. „Ich werde dich verlassen!“
Jeder Satz war wie ein Hammerschlag. Aber die Brille war die einzige Möglichkeit, die Wahrheit zu erfahren.
Hast du einen anderen?“ fragte Mark. Iris zögerte und starrte ihn an. „Was juckt's dich denn noch.“
Also hast du einen anderen!“
Iris ging ins Schlafzimmer und zog einen Koffer vom Kleiderschrank.
Ich halte es hier nicht mehr aus.“
Wer ist es, Iris? Komm, sag es! Kenne ich ihn?“
Iris nickte.
Mark war außer sich.
Du willst es wirklich wissen? Weißt du“, Iris wurde jetzt sehr ruhig, „Eigentlich war es doch eine gute Idee von dir, zu diesem Paartherapeuten zu gehen. Ihm habe ich es zu verdanken, dass ich mein Leben mit dir noch einmal neu überdacht habe.“
Du hast was mit Richard Grey?“ brüllte Mark.
Iris griff in den Schrank und zog ein paar Pullis raus. Mark rannte gleichzeitig in die Küche und schnappte sich das Verlängerungskabel, das über einer Stuhllehne hing. Er hatte nur noch einen Gedanken und stieß wie blind die Vase auf dem Tisch im Wohnzimmer um. Das Wasser plätscherte auf den Teppich. Dann stand er hinter Iris, die noch immer vertieft in ihren Klamotten wühlte. Mark schnaubte vor Wut.
Ist besser so, Mark. Glaube mir“, sagte sie noch und schaffte es nicht mehr sich umzudrehen.
Gezielt straffte Mark das Kabel zwischen seinen Händen, führte es von hinten über Iris'Kopf in Richtung ihres Halses und zog das Kabel eng zusammen.
Iris' Schrei verkümmerte zu einem kläglichen Röcheln. Mark führte ihren Leib vor sich her. Ihre Arme wirbelten herum, versuchten einen Halt zu finden. Dann landeten beide auf dem Bett. Iris auf dem Bauch. Mark kniete über ihr und zog das Kabel noch enger zusammen. Ihr Körper fing an zu zittern. Mark musste nicht lange warten, bis der letzte Atemzug ihren Mund verließ. Sie war tot.
Mark war sich nicht bewusst, was er getan hatte. Nur noch brennende Wut feuerte ihn an, die er auch jetzt wieder spürte und er sich angeekelt die Brille von der Nase riss und auf das Bett schmiss. Sein flattriger Blick huschte zu der Toten. Er hatte es wirklich getan – er, der nie in seinem Leben gewalttätig gewesen war. Er rannte aufs Klo und reierte in die Schüssel. Er traute sich kaum in den Spiegel zu schauen, aber er tat es doch. Zum ersten Mal sah er sein Gesicht als Mörder. Wieder wurde ihm schlecht und er spuckte den Rest Magenbrei ins Waschbecken. Sollte er nicht langsam die Polizei rufen? Nein, erst musste er alles wissen.
Mark eilte zurück ins Schlafzimmer. Wo war die Brille? Er hatte sie doch eben aufs Bett geworfen. War sie runtergefallen? Er suchte den Teppich ab und fand nichts. Das konnte nicht sein! Eine Brille kann sich doch nicht in Luft auflösen! Doch auch das hielt Mark in dieser Nacht für möglich. Er bemerkte nicht, dass sich die Brille ganz in seiner Nähe befand. Irgend etwas stimmt auch nicht, als er Iris flüchtig ansah. Die Brille saß auf ihrer Nase. Um Himmels Willen! Marks Nerven waren wie eine Gitarrensaite gespannt. Er schwitze. Wie kam das Gestell dorthin? Iris war doch tot!
Mark spürte plötzlich, dass er beobachtet wurde. Er war sich nicht sicher, was er noch ertragen konnte. Jemand war hier. Sein Herz schien nur noch zu flimmern. An der Wand über dem Bett zeichnete sich ein dunkler Schatten ab.
Langsam, fast in Zeitlupe wandte Mark seinen Kopf herum. Die Gestalt in seinem Blickwinkel wurde klarer. Sie war groß und trug einen schwarzen Mantel. Wie ein Baum stand in der Tür ein Mann mit starren Gesichtszügen. Es war Richard Grey.
Mark fühlte ein Kribbeln hinter seinen Schläfen aufsteigen. Seine Augen brannten. Wortlos beobachtete Richard Grey ihn. Dann umarmten Mark zwei zierliche Arme von hinten. Iris feuchter Atem traf ihn am Hals. Mark brach zusammen.

Vier Wochen später.

Mark hatte Mühe, die Zeitung zu halten. Er bekam sie von einem Patienten aus Zimmer 311. Zeitungen waren hier eigentlich verboten. Die Patienten durften sich nicht aufregen.
Die Überschrift war alarmierend fett gedruckt.
Was muss noch passieren?“ stand da.
Der 43jährige Mark Wood befindet sich immer noch in einer psychiatrischen Heilanstalt, nachdem der Sender seine Show „Böse Macht“ eingestellt hat - trotz rekordverdächtiger Zuschauerzahlen. Zwei Jahre wurde sie erfolgreich ausgestrahlt. In der Sendung wurden Menschen mit versteckter Kamera bis an ihre Grenzen getrieben. Im Fall Mark Wood hatte seine Lebenspartnerin die Idee, etwas neuen Wind in ihre Beziehung zu bringen, nachdem sie den Tipp von ihrem Paartherapeuten Richard Grey erhalten hatte, der ebenfalls in der Sendung mitwirkte.
Hierbei ging es um eine neu entwickelte Brille, die sich äußerlich nicht von anderen unterscheidet, aber ein kleines Hightech-Wunder darstellt. Setzt man sie auf, dann läuft ein kleiner Film vor den Augen des Trägers ab. In Woods Fall suggerierte der Film den Mord an der Lebenspartnerin Iris. Die Szene wurde von Schauspielern vorab gedreht und mittels Filmbearbeitung so gestaltet, dass aus den Protagonisten Mark und Iris wurden. Am Tag der Dreharbeiten hatte man Mark zuvor einige Tropfen in seine Getränke gegeben, die ihn die meisten Erinnerungen der letzten Tage und Stunden raubte und ihn ziemlich benommen machten – wenn nicht sogar betäubten. Das war nötig, um Mark zu dem Anfangsschauplatz zu bringen - die Parkbank.
Nun ist eine Diskussion entfacht, die die Fernsehmoral schroff in ihre Grenzen weist. Die Macher der Sendung haben bereits ein neues Konzept angekündigt. Hierbei soll es weniger böse abgehen, aber der Zuschauer soll trotzdem auf seine Kosten kommen. Lassen wir uns überraschen!“

(c) Guido Lemmel 2010





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