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Das kleine Hochhausdrama

Gedankenstrudel

Dieser Schrei war anders als der von letzter Woche. Der alte Georg hörte einen Aufprall, wilde Schritte schwerer Schuhe und die Bässe kaum vernehmbarer Worte tiefer Männerstimmen. In diesem Hochhaus, diesem Bunker aus Stahl und Beton, war es nie ganz still und in der Wohnung über Georgs schon gar nicht. Ein Kommen und Gehen von Mietern war hier zur Gewohnheit geworden.
Seit vier Wochen schon lebte eine junge Frau über Georg. Er hatte sie einmal kurz im Aufzug gesehen. Seinen freundlichen Morgengruß erwiderte sie nur flüchtig und ohne Blickkontakt. Und nun waren dort die ständigen Geräusche. In der letzten Woche wurde er eines Nachts durch einen Schrei geweckt.
„Geh doch mal gucken, Georg! Da braucht jemand Hilfe“, hörte er seine Frau sagen, doch die war schon seit zwei Jahren tot. Georg hörte sie oft in seinem Kopf. So wie früher in ihrer weichen Stimme, und es machte ihm Mut, schenkte ihm die Kraft, nicht alles im Leben für gleichgültig zu befinden.
Der Alte zog sich seinen Badenmantel über, schlüpfte in seine Hausschuhe und fuhr mit dem Aufzug ein Stockwerk höher. Gut laufen konnte er schon seit Jahren nicht mehr. Auf dem Klingelschild stand kein Name. Lediglich ein rotes Herz klebte dort auf einem Zettel. Georg klingelte. Die junge Dame öffnete ihm, sah ihn empört an, spitzte ihren rot bemalten Mund und suchte noch nach passenden Worten, während Georg zwischen dem Blick auf nacktem Busen und dem Duft süßen Parfums nicht wusste, was er von diesem Eindruck halten sollte.
„Wat willst du denn, Opi! Hier gibt’s nur telefonische Anmeldung!“
„Nein nein! Ich hab’ da was gehört. Ich wohne direkt unter Ihnen. Dachte es wäre etwas passiert. Wollte nicht stören“, erwiderte Georg verwirrt dennoch freundlich.
„Aha! Willst wohl gratis meene Titten beglotzen, wa Alter?“
Die ungehobelten Worte trafen zielsicher den alten Georg.
„Aber so jeht dit nicht!“ fügte sie herrisch hinzu.
Ein völlig entblößter Mann kroch währenddessen wie ein Hund hinter der jungen Frau über den Fußboden. Ein nietenbespicktes Lederband schnürte sich eng um seinen Hals.
„Ich wusste doch nicht, dass hier ...“, stotterte Georg.
„Nu’ mach `ne Fliege Alter! Koof dir ’nen Porno und geil dich daran uff, klar!“
Es rummste. Die Tür war ins Schloss gefallen. Wie ein unartiger Bengel stand Georg im Bademantel und Hausschuhen auf einem Fleck und schlurfte dann nach einer Weile zurück. Seitdem hatte er alle weiteren Geräusche ignoriert. Nie wieder würde er sich einer solchen Situation aussetzen. Doch dieser Hilfe suchende, angstverzerrte Schrei, den er gerade gehört hatte, beunruhigte ihn.
Wenn doch nun wirklich etwas passiert ist, dachte er.
Jetzt war es still geworden über ihm. Fast schon zu still. Wo waren die Männerstimmen, deren Bässe gerade noch durch die Zimmerdecke gebrummt war. Doch plötzlich dieses Quietschen von Gummisohlen auf dem Gang vor Georgs Haustür. Er drückte sein Auge auf den Spion. Weiße Wand im Weitwinkel. Da grollten wieder die Männerstimmen. Ganz in Georgs Nähe.
„Hast du nichts vergessen?“ gurgelte die eine.
„Nee, hab’ dreimal geguckt. Das Geld hab’ ich!“
Die Sohlen quietschen in Richtung des Treppenhauses, dessen schwere Eisentür kurz danach ins Schloss schepperte.
Georg war nicht fähig zu denken. Das war zu viel für ihn. Damals vor 35 Jahren war er mit seiner Frau in dieses Hochhaus gezogen, und noch nie hatte er das Gefühl gehabt, Zeuge einer grausamen Tat geworden zu sein.
Er musste etwas unternehmen, aber er wollte mit der Sache nichts zu tun haben. Er griff sich das Telefon, wählte die 110 und stotterte hintereinander weg die Anschrift des Hochhauses. Seinen Namen nannte er nicht. Er legte auf. Es dauerte nicht lange bis heulende Sirenen immer näher kamen. Georg zitterte. Ihm wurde kalt. Sein Puls schlug schnell.
Er sah aus dem Fenster und auf den geschlossenen Metallsarg, in dem die junge Frau mit den rot bemalten Lippen lag. Dann verriegelte Georg die Wohnungstür und legte sich müde auf die Couch. Noch lange starrte er an die weiße Zimmerdecke.
Die Boulevardzeitungen berichteten über das Verbrechen. Georg las die Schlagzeilen nicht. Er hörte auch nicht die gleichen Sirenen, die sich wieder dem Hochhaus näherten. Eine Frau mit strähnigen Haaren hielt sich die Hand vor die Nase, würgte ein paar Mal und zeigte auf die Tür, hinter der dieser beißende Gestank liegen musste. Sie zuckte mit den Schultern, als der eine Feuerwehrmann fragte, ob sie denjenigen kenne, der in der Wohnung lebte. Nach einem kurzen Moment war die vorher gut verriegelte Tür geöffnet. Die Männer eilten in die Wohnung, warfen ihre Blicke suchend in jeden Winkel bis sie auf dem zur Unkenntlichkeit zersetzten Leichnam verharrten, dessen Gesicht zur Zimmerdecke gerichtet war.

(c) Guido Lemmel 2001


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