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Entschluss im Horizont

Gedankenstrudel

In diesen Momenten fühlt Paul sich frei. Er sieht in die Ferne über die blaue Ostsee bis zu dem kleinen Frachter kurz vor dem milchigen Horizont. Die Sonne ist gleich verschwunden, nur der gelbliche Schimmer leuchtet über das Wasser, lässt kleine Wellen unruhig glitzern. Wie schon seit Jahren genießt Paul diesen Ort unweit vom Haus entfernt. Hier erhellen seine ausgeträumten Träume zu neuem Glanz. Hier hatte er vor Jahren seinen Entschluss gefasst.
Die Winde waren damals genauso mild wie heute und in den letzten Tagen. Er schließt seine Augen, lauscht der schäumenden Gischt, schmeckt und riecht die salzige Luft, bis Carolines Gesicht erst diffus und dann immer klarer erscheint wie damals in der Nacht, als sie schon lange geschlafen hatte und Paul sie beobachtete. Wie schön sie doch war und wie stolz ihn das immer gemacht hatte. Er sah sie gerne an, wenn sie schlief und leise atmete. Das glatte, schwarze Haar wirkte wie ein schützender Rahmen auf dem weißen Kissenbezug. Inmitten dieses Rahmens lag ihr weiches Antlitz umgeben von klaren, festen Linien. Oh ja, er sah sie wirklich gerne an und in manchen Nächten dankte er dem Zufall, dass er Caroline überhaupt jemals kennen gelernt hatte, dass auch sie eine Anziehung für ihn gespürt haben musste, obwohl er sich immer für mittelmäßig gehalten hatte. Ohne jeden Zweifel konnte er behaupten, dass sie eine leuchtende Perle in seinem Leben darstellte und doch hatte Paul in jener Nacht einen Entschluss gefasst, der nicht mehr rückgängig gemacht werden konnte. Zu sehr nagte etwas in ihm, das er nie genau benennen konnte, und doch so stark auf Veränderung pochte, dass es nur noch eine Lösung gab: er musste Caroline verlassen und nach jener Nacht im Dunst des nächsten Sommermorgens sollte sie es erfahren.
Manchmal drehte sie sich zu ihm, tastend suchte ihre Hand die Nähe seiner Brust. Er schob sie sanft beiseite und sah zur Decke. Er fragte sich, ob er denn nicht verrückt sei, Caroline aus seinem Leben zu streichen. Alles lief doch eigentlich recht gut. Sie war 39, er bereits Mitte vierzig. Sie hatten zwar noch nicht geheiratet, dennoch zusammen ein Haus gebaut. Nach drei gescheiterten Ehen mit zwei Kindern sah sie nun in Paul den Ruhepunkt und sturmlosen Eroberer, den sie sich zwar nie gewünscht hatte, dennoch am besten in ihr Leben zu passen schien – wie ein Puzzleteil mit Ecken und Kanten aus Gummi, das sich in jede Öffnung pressen lassen konnte. Paul wusste das. Von Anfang an, und es störte ihn so sehr, dass er nie angefangen hatte, Caroline wirklich zu lieben. Ob sie ihn liebte wusste er nicht einmal. Sie hatte es höchstens hin und wieder im Gefühlsnebel höchster Wollustmomente ausgehaucht. Ansonsten umschrieb sie die Worte. Sechs Jahre lang.
Ihre gemeinsamen Tage waren eigentlich okay, wenn man das so im Vergleich miserabler anderer Streitbeziehungen bezeichnen kann. Doch dieses gleichmäßige Funktionieren, dieses rollenlose Existieren in Carolines Leben ließ Pauls Sinne verkümmern. Keine Forderung, kein Auf- und Anblicken aus ihren wunderschönen Augen erreichten ihn dort, wo er es am meisten gebraucht hätte.
Draußen dämmerte es schon ein wenig. Obwohl sein Entschluss fest stand, keimte Angst in ihm auf. Wie würde sie wohl reagieren, fragte er sich. Würde sie überhaupt seine Beweggründe verstehen? Fühlte sie möglicherweise genauso? Wahrscheinlich nicht, denn sonst wäre sie schon längst gegangen. Sie war in ihren Entscheidungen immer schneller als Paul gewesen. Er glaubte nicht, dass ihre Gedanken sich in diesen Bereichen bewegten. Manchmal glaubte er, sie würde es irgendwie spüren, was Paul vorhatte. In jener Nacht als die Schwärze des Himmels immer mehr in ein verwaschenes Morgengrau überwechselte, wurde Caroline immer unruhiger. Vielleicht träumte sie. Manchmal atmete sie kurz hintereinander, hielt dann die Luft an, während sie ihre Lippen zusammenkniff und mit den Zähnen knirschte. Dann entspannte sich ihr Gesicht wieder und gleichmäßig beruhigte sich ihr Atmen.
Paul fühlte sich wie vor einer Abschlussprüfung. Sein Vorhaben war ihm unangenehm und doch so wichtig. Immerhin konnte er an und für sich nichts gegen Caroline sagen. Es gab nur selten Streitereien zwischen den beiden, der Alltag war perfekt abgestimmt. Zeiten wurden eingehalten, Aufgaben liebevoll verteilt, Zyklen nur selten gebrochen. Alles schien ausgefüllt zu sein. Kein Raum für Ermüdung und doch fühlte Paul sich schlaff im Leben Seite an Seite mit seiner Vorzeigepartnerin.
Er sah auf den Wecker auf Carolines Nachttisch. Es war Sonntag. Sie stellte ihn sogar an freien Tagen, wenn sie nicht zur Arbeit musste. In ein paar Minuten würde er läuten. Jene Nacht kam Paul wie eine dickflüssige Endlosigkeit vor. Er schloss noch einmal seine Augen und zählte die Sekunden. Der Wecker schrillte unsanft dem Moment entgegen. Caroline wälzte sich ein paar Mal hin und her, drückte schroff auf die Aus-Taste des Weckers und blubberte kaum verständlich ein „Guten Morgen“ aus ihrem Mund. Caroline wirkte blass. Langsam setzte sie sich auf die Bettkante und drückte ihre Handflächen gegen ihre Schläfen. Stöhnlaute folgten.
„Was hast du?“ fragte Paul.
„Kopfschmerzen“, antwortete sie zitternd, „So schlimm wie nie!“
Sie stand auf. Ihre Beine suchten den Weg zum Bad. Sie schwankte. Am Türrahmen zum Schlafzimmer hielt sie sich fest, den Kopf nach unten gesenkt. Ihre Zehen krallten sich in den Teppich. Bevor Caroline noch etwas sagen konnte, sackte sie in sich zusammen und fiel ohnmächtig zu Boden. Paul stürmte zu ihr, hob Carolines schlaffen Leib in seine Arme und legte ihn aufs Bett. Nichts regte sich in ihr. Ihre Stirn glänzte feucht und fühlte sich kühl an. Paul konnte nichts weiter machen. Er rannte zum Telefon und rief den Notarzt.
Paul öffnet seine Augen. Verschwunden sind die Bilder von damals. Der Frachter hinten am Horizont ist verschwunden. Das Wasser hat die Dunkelheit des Abendhimmels angenommen. Paul muss schnell zurück zum Haus. Caroline wird schon warten. Seit dem Schlaganfall nach jener Nacht kann sie nicht mehr alleine laufen.
Auf der Deichpromenade dreht Paul sich noch einmal in Richtung des dunklen Horizonts und lächelt ihn an, denn nur er kennt den Entschluss, den Paul vor Jahren hier getroffen hatte ...

(c) Guido Lemmel 2006



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