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Gedankenstrudel
Sein Rucksack ist heute schwerer. Er zieht die Lederriemen zusammen und schlüpft in die Tragegurte. In der Küche steht noch eine volle Tasse Kaffee. Seine Frau hat ihn gebrüht. Jeden Morgen macht sie das, bevor er zum Joggen aufbricht. Heute nimmt er nur einen winzigen Schluck. Seine Frau begleitet ihn zur Wohnungstür. Sie hinkt am Stock hinter ihm her. Der Schlaganfall hatte ihre rechte Seite teilweise gelähmt. Ein flüchtiger Kuss und das alltägliche „Pass auf Dich auf, Jürgen“ besiegelt den gewohnten Abschied. Sie reden nicht mehr viel. Verborgene aneinander prallende Gefühle werden in Eigenregie verdrängt.
Seine Gummisohlen quietschen auf den Treppen nach unten. Ein Mieter aus dem zweiten Stock kommt ihm entgegen. Sein Blick wirkt unsicher, sucht Fluchtpunkte, um Jürgen nicht ins Gesicht sehen zu müssen. Gegrüßt wird schon lange nicht mehr. Niemand hat in diesem Haus gelernt, mit außergewöhnlichen Situationen umzugehen.
Vor dem Mietshaus ist es kalt. Jürgen zieht den Reißverschluss seiner Trainingsjacke ganz nach oben. Sein Hals ist dünn geworden. Bartstoppel bedecken die Kehle. Seine graublauen Augen wirken bedrückt. Sein Mund scheint sich seit damals nicht verändert zu haben. Er kann nicht mehr lachen. Früher war Jürgen ein beschwingter Mann, heute wabert nur noch ein bisschen geordneter Alltag in ihm.
Er fängt an, langsam zu laufen bis er zügig rennt. Jeden Tag dieselbe Strecke durch den Wald am Stadtrand bis zu den großen Backsteingebäuden hinter den Feldern. Jürgen braucht die Bewegung. Rennen kurbelt seine Gedanken an. Der Schmerz und die Erinnerungen werden dann milder. Seine Beine werden warm. Er wird schneller.
Fast jeden Strauch und jeden Baum kennt er mittlerweile. In sieben Jahren haben sich Eindrücke fest in seinem Kopf verankert. Er zieht die kühle Luft in seine Lunge. In den Schläfen kribbelt es. Das ist der Moment, wo er sie wieder so sieht, wie er sie immer geliebt hatte. Er sieht den Schulranzen, die rote Jacke, ihre blonden Zöpfe und ihr Lächeln, als sie damals das Haus verlassen hatte, um zur Schule zu gehen. Wie fast jeden Morgen ist er ihr noch ein paar Meter hinterher gerannt, weil sie wieder einmal ihre Pausenbrote vergessen hatte. Damals hatte Jürgen noch einen Job beim Wachschutz in einer Firma hinter dem Wald. Das Geld war knapp, aber es reichte immerhin für den Campingplatz an der Ostsee in den Sommerferien. Heute bekommt er eine kleine Rente. Seine Nerven sind zu marode geworden.
Jürgen wird etwas langsamer. Er kann nicht an der Stelle vorbeilaufen, wo Passanten sie gefunden hatten. Er bleibt stehen. Der Baum hatte damals noch kein Moos an seiner Rinde. Jetzt sieht alles unberührt aus.
Er kann sich noch sehr genau an das penetrante Schrillen der Türglocke erinnern und an die beiden Polizisten vor der Tür. Drei quälende Tage wurde sie gesucht. Drei Tage voller Angst und manchmal aufkeimender Hoffnung, dann die Gewissheit, dass er sie nie wieder sehen würde. Die Polizisten hatten Mühe, ihm die Wahrheit in sein Herz zu quetschen. Jürgen reagierte ohne Tränen, ohne Wut – nichts regte sich in ihm. Seine Frau brach zusammen, lag ein paar Tage im Krankenhaus. Dann der Schlaganfall, der den letzten Rest in ihrem Körper gelähmt hatte.
Jürgen trabt auf der Stelle und fixiert den Platz vor dem Baum, wo der Täter den kleinen, nackten Körper hingeworfen hatte. Zum Friedhof ist er lange nicht gegangen, nur diese eine Stelle lässt in ihm die Gefühle lodern, die er heute löschen muss.
Ihre Geburt war auch seine Geburt. Als sie anfing zu leben, starb das letzte unergründliche Grau in ihm.
Die Polizei hatte den Täter ziemlich schnell gefasst. Das Sperma auf ihrem Körper und anschließende Speichelproben verrieten seine Herkunft. Er war ein junger Mann um die zwanzig, nicht auffällig, mit freundlichem Wesen und berechnendem Charme. Er ging hier oft spazieren, dann hatte er sie gesehen. Er nahm sie mit in seine Wohnung. Dort musste sie seine Gier und Gewalt erfahren. Sieben Jahre hatte der Richter ihm gegeben. Er hat seine Strafe verbüßt. Die Jahre sind vorbei, heute wird er entlassen.
Jürgen rennt weiter. Er schaut auf seine Armbanduhr und wird schneller. Die Felder und die roten Backsteingebäude rücken näher. In unzähligen Nächten, wenn er von seiner Frau unbemerkt keinen Schlaf fand, hatte er sich diesen Moment ausgemalt. Nun ist dieser Moment gekommen und nichts kann Jürgen jetzt noch stoppen.
Er sieht wieder auf seine Uhr und weiß, dass es nur noch ein paar Minuten dauern dürfte. Sieben Jahre lang ist er diese Strecke abgelaufen und immer wieder rannte er zurück. Heute gibt es kein Zurück mehr.
Das Gebäude ist groß, bedrohlich wirken die hohen Mauern und die Stäbe an den Fenstern. Das massige Eisentor donnert wuchtig zur Seite. Ein langer Kiesweg dahinter führt zu einem weiteren, bereits geöffnetem Tor. Jürgen hört Stimmen. Er löst seinen Rucksack von den Schultern und öffnet die Riemen. Jürgen versteckt sich hinter einem Busch. Knirschende Schritte gefolgt von einem melodischem Pfeifen aus einem freundlichen Mund kommen näher. Dann ist es für einen kurzen Augenblick lautlos in dieser kühlen Morgenluft, bis ein schmerverzerrter Schrei die Stille durchschlingt.
Jürgen kehrt um und läuft ruhigen Schrittes zurück in Richtung Wald zu seiner Frau. Er kann nicht mehr rennen, zu erschöpft schlurfen seine Gummisohlen über den Weg. Männer in Uniform und Mütze stürzen sich auf den bereits leblosen Leib vor der Haftanstalt.
Jürgen blickt nicht zurück. Er versucht zu lächeln, doch er kann es noch immer nicht. Die schwere Eisenstange in seiner Hand lässt er fallen.
(c) Guido Lemmel 2006