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Gedankenstrudel
Der Wachmann zog die breite Tür zur Zelle auf. Brian saß auf seinem Stuhl an der grauen Betonwand und schaute nicht hoch. Sein Blick endete irgendwo auf der zerkratzten Tischplatte. Die Finger, ineinander gekreuzt, sahen dünn und grau aus. Sie wirkten fast so blutleer wie sein langes Gesicht mit dem leicht hervorstehenden Kinn und der höckrigen Nase.
Der Wachmann ging einen Schritt zur Seite und machte Platz für Kenneth, der sich mit seinem glatten Haar, der glänzenden Aktentasche und dem beißenden After Shave wie ein Vertreter für Gefängnisseife vorkam.
„Wenn was ist, dann rufen Sie. Ich stehe genau vor der Tür“, sagte der Wachmann sichtlich genervt von seiner Aufgabe, auf so einen dummen Schmierblattheini aufpassen zu müssen, so wie Journalisten hier bezeichnet wurden.
Mit zwei Schritten stand Kenneth in der Zelle. Hinter ihm schepperte die Tür in den Rahmen. Dann hörte er die Schlüssel klimpern und war allein mit dem Verbrecher eingeschlossen, so wie er es von Anfang an wollte.
Ein grauer Raum rundherum. Vier Meter lang, zweieinhalb Meter breit. Rechts ein Bettgestell mit einer speckigen Matratze und einer zerknüllten Wolldecke darauf. Davor ein mit einem Tuch abgetrennter Nassbereich. Waschbecken und Klo aus Metall. Ein Stück schmutzig gelbe Seife klebte auf dem Waschbeckenrand. Darüber ein Spiegel ebenfalls aus glänzendem Metall. Links oben das vergitterte kleine Quadrat mit einer Klorolle auf dem Fensterbrett. Darunter der Tisch mit dem Verbrecher, dessen Konto an die hundert Opfer zählt. Brian schaute noch immer nicht hoch. Kenneth räusperte sich.
„Guten Tag, Brian“, grüßte er zaghaft. Keine Reaktion.
„Ich bin Kenneth. Ich wurde doch angekündigt?“
Jetzt hob Brian langsam seinen Kopf. Seine Augen waren mindestens so schwarz wie die verglommene Kohle, die er zurückgelassen hatte. Brian musterte Kenneth von oben bis unten, während sein Gesicht nicht eine einzige mimische Veränderung zeigte.
„Schöne Schuhe“, sagte er unerwartet. „Hab' ich früher auch gerne getragen.“ Seine Stimme klang holprig und dünn.
„Bitte, setzen Sie sich.“
Kenneth stellte seine Aktentasche neben seinen Stuhl. Seine Augen brannten. Die halbe Nacht hatte er nicht schlafen können. Wegen Brian, der ihm jetzt tief in die Augen schaute.
„Sie sind bestimmt halb so alt wie ich“, sagte Brian.
„28“
„Naja, hatte ich ja fast richtig geschätzt.“
Kenneth öffnete die Aktentasche und kramte einen Schreibblock und Kugelschreiber hervor.
„Kein Diktiergerät?“ fragte Brian.
„Nein, ich schreibe lieber. Kann mich dann später besser an mein Gegenüber erinnern.“
„Das hab' ich noch nie gehört.“
„Kann sein. Vielleicht geht es nur mir so. Ähm, Sie wollen mir ein paar Fragen beantworten?“
Brian runzelte seine Stirn.
„Gibt es denn noch Fragen, die ich noch nicht beantwortet habe?“
„Mir ist klar, dass Sie die ganze Fragerei satt haben, aber es wäre schön, wenn ...“
„Schon gut“, unterbrach er Kenneths verlegenen Ausflüchte. „Fragen Sie, was Sie wollen.“
Kenneth hatte zuvor schon alles in seinen Notizblock gekritzelt, was er von Brian wissen wollte. Doch das war ihm jetzt egal. Er blätterte auf ein freies Blatt um und ließ den Stift ein paar Mal durch seine Finger wandern. Brian saß wie ein Schüler vor ihm und musterte jede Bewegung seines Gesichts. Kenneth' Kiefer bewegte sich hin und her. Von einer Seite zur anderen. Es waren diese Augen, die ihn verrückt machten. Irgend etwas Unbegreifliches lag hinter diesem matten Schwarz, als würde eine sternenlose Nacht auf den ersten Tag warten.
„Nun, Brian, wie haben Sie es zehn Jahre lang geschafft, unentdeckt zu bleiben? Ich meine, Sie haben bewohnte Häuser angezündet. Hatten Sie immer einen Plan?“
Brian schwieg kurz.
„Einen Plan? Den hatte ich nie. Es muss dich überkommen, verstehen Sie?“
„Überkommen?“
„Ja, die Flammen müssen dich rufen, bevor sie da sind. Du siehst ein Haus und bleibst unwillkürlich davor stehen. Erst kommen die inneren Bilder, wie es von unten bis oben heiß lodert. Dann greifst du in deine Jackentasche, spürst das Feuerzeug und die kleine Glasflasche mit Benzin, welche ich immer dabei hatte.“
„Mit so wenig haben sie ganze Wohnhäuser angezündet?“
„Alles Altbauten mit viel Holz. Das ist so trocken, es schreit nach Feuer. Und das Feuer nach dem Holz.“
„Und dann?“
„Wenn es erst einmal brennt, die ersten jungfräulichen Flammen um sich greifen und stetig wachsen – ja, dann ...“
Brian sah kurz auf die Tischplatte als wäre sie eine Kinoleinwand.
„... dann beginnt die Lust in dir zu steigen.“
„Die Lust worauf?“
„Auf Leben“, antwortete Brian zügig hinterher.
„Sie notieren sich ja gar nichts.“
Kenneth fummelte unsicher am Notizblock. Er fühlte sich ertappt, schluckte kurz den Rest Spucke in seine trockene Kehle.
„Ich glaube, noch kann ich mir alles merken. Hab' ein gutes Gedächtnis.“
„Ein gutes Gedächtnis ist wichtig! Was meinen Sie, wie oft ich von meinen Taten gezehrt habe, wenn ich mich an sie erinnert habe. Heute noch.“
„In zehn Jahren haben Sie 35 Häuser angezündet.“
„Und nichts habe ich davon bereut.“
„Sie sagten etwas von der Lust auf Leben. Was meinen Sie damit?“
„Nun Kenneth, was empfinden Sie, wenn Sie eine Kerze anzünden oder in die Flammen eines Kamins schauen?“
Kenneth gefiel die Umkehrfrage nicht, dennoch ließ er sich darauf ein.
„Ich empfinde dabei Behaglichkeit, Wärme und auch Sicherheit.“
„Sehen Sie! Genau das ist es! Die Flammen leben und geben einem diese Gefühle.“
„Und was ist mit Macht? Kamen Sie sich mächtig vor, wenn Sie als vermeintlicher Zuschauer in der Menge der Gaffer standen und der Feuerwehr bei ihrer Arbeit zusahen?“
Brian machte eine abwehrende Handbewegung.
„Ach Quatsch, das ist das Gelaber von diesen Möchtegern-Psychologen. Macht interessiert mich nicht. Wissen Sie, das Feuer ist mein Verbündeter – das einzige Wesen, das mich versteht und mir etwas von seiner Reinheit gibt.“
„Sie bezeichnen Feuer wirklich als Wesen?“
„Ja, ein Wesen. Feuer hat Seele und ich bin der Seelenverwandte.“
Kenneth schwieg einen Moment. Was war das für ein Kerl, der Feuer als etwas Lebendiges sah?
„Aber was ist mit den Menschen in den Häusern? Die meisten von ihnen sind umgekommen und auch Feuerwehrmänner. Die mussten für Ihre Sehnsucht nach Leben sterben. Es waren Kinder dabei, ganze Familien sind qualvoll verbrannt!“
Brian lehnte sich zurück. Seine schwarzen Augen griffen nach dem verzweifelten Blick von Kenneth. Ein unwirklich gluckerndes Lachen entwich Brians Lippen.
„Aber Kenneth! Das war doch nicht meine Idee!“
„Wie?“
„Das Feuer hat es mir gesagt.“
„Das Sie aber erst legen mussten!“
„Feuer ist immer da! Es muss nicht unbedingt brennen, verstehen Sie?“
„Erklären Sie es mir.“
„Ich sagte doch, dass Feuer Seele hat. Es ist eines der Grundelemente. Schon Heraklit hat das gewusst. Ich zitiere:
'Diese Weltordnung, dieselbige für alle Wesen, hat kein Gott und kein Mensch geschaffen, sondern sie war immerdar und ist und wird sein ewig lebendiges Feuer, nach Maßen erglimmend und nach Maßen erlöschend'“
Kenneth schluckte fest.
„Sie haben unschuldige Menschen auf dem Gewissen! Ist Ihnen das eigentlich klar?“
„Unschuldig?“
„Ja, unschuldig. Sie haben über deren Tod entschieden.“
„Das Feuer hat es entschieden, nicht ich. Ich war nur das Werkzeug, der Auserwählte. Und waren diese Menschen denn wirklich so unschuldig? Wie ich nämlich erfahren habe, gab es unter den Toten eine Dealerbande. Die haben unschuldige Menschen getötet, die sie zuvor mit ihrem Stoff abhängig gemacht haben. Oder der Kinderschänder, der Dank des Feuers keine Kinder mehr berührt. Diesen Abschaum nennen Sie unschuldig?“
„Das gibt Ihnen doch noch lange nicht das Recht, über diese Menschen zu richten! Außerdem waren unter den Opfern immer noch mehr unschuldige Menschen, als Verbrecher.“
Kenneth wurde nervös.
„Das Feuer hat es getan und es war richtig.“
„Fühlen Sie nicht ein Stück Reue?“
„Nein.“
„Mitleid für die Angehörigen?“
„Nein.“
„Empfinden Sie überhaupt etwas?“
Keine Antwort.
Am liebsten wäre Kenneth aufgestanden und hätte den Wachmann gerufen, doch die Story war zu wichtig für ihn. Er hatte sein eigenes Urteil gefällt. Brian war ein kranker Psychopath, der ein Leben lang hinter Schloss und Riegel gehörte.
„Ich kann nicht glauben, dass Sie so einfach gefasst worden sind.“
Brian lächelte. Dann reckte er sich etwas nach vorn. Die schwarzen Augen ließen Kenneths Gesicht nicht los.
„Soll ich Ihnen ein Geheimnis verraten?“ flüsterte er.
„Ich habe mich gestellt. Das wurde aber nie publik gemacht. Weiß der Teufel warum! Ist mir auch egal.“
Jetzt wirkte Kenneth zum ersten Mal entspannt. Er nahm seine Aktentasche auf den Schoß und kramte in ihr herum. Kurz danach hielt er ein Foto in der Hand. Brian sah verwundert zu. Das Foto lag auf dem Tisch.
„Nun, kennen Sie diese Frau?“ fragte Kenneth kühl.
Das Bild zeigte eine jüngere Frau an eine Hauswand gelehnt. Sie sah glücklich aus und hatte einen dicken Bauch.
„Nein, sollte ich denn?“
„Ich habe in Ihrer Vergangenheit gestöbert, Brian.“
„Und? Was haben Sie da gefunden?“ erwiderte er scheinbar belustigt.
„Diese Frau war meine Verlobte. Wir wollten heiraten. Mein Sohn sollte Robert heißen.“
„Warum erzählen Sie mir das? Ist das eine neuartige Journalistentechnik?“ lachte Brian.
„Wissen Sie, worüber ich froh bin?“
„Nun?“
„Dass Maggy nicht Ihre schwarzen Augen geerbt hat.“
Brian saß wie versteinert auf seinem Stuhl.
„Aber?“
„Maggy ist deine Tochter, du Schwein! Nachdem sich ihre Mutter deinetwegen erhängt hat, kam Maggy in ein Kinderheim, weil du sie vernachlässigt hast.“
Brians Stimme ähnelte jetzt mehr einem wehleidigem Jaulen.
„Aber es war die einzige Möglichkeit!“
Kenneth fuhr fort mit seiner Anklage.
„Ich behaupte sogar, dass du Maggys Mutter getötet hast! Du warst schon immer ein Mörder gewesen und wirst es immer bleiben!“ zeterte Kenneth.
Brian schüttelte den Kopf.
„Und jetzt hör mir genau zu! In dem Haus, wo du zuletzt Feuer gelegt hast, hatten Maggy und ich seit drei Wochen unsere neue Wohnung bezogen. Ich war an jenem Abend nicht da. Ich werde den Anblick ihrer verkohlten Leiche nicht mehr vergessen!“
Tränen schossen aus Kenneth Augen. Brian wurde still. Ruhig lehnte er sich zurück. Plötzlich roch es verbrannt. Kenneth fuhr hoch und sah den Qualm, der von Brians Bauch an beginnend in sein Gesicht zog, das noch völlig entspannt auf Kenneth gerichtet war. Die schwarzen Augen verfolgten seine Regungen. Flammen züngelten und fraßen sich durch Brians Shirt. Der Geruch verbrannten Fettes lag in der Zelle. Kurz danach fingen seine Haare Feuer. Die Haut löste sich von seinem Gesicht, bis nur noch eine blutende Fratze übrig blieb. Stuhl und Tisch blieben von den Flammen verschont. Brian fiel zur Seite und landete auf dem Boden. Seine Augen waren noch immer geöffnet, doch dann fielen sie langsam zu und die Flammen zogen sich zurück. Kenneth räumte den Notizblock, Stift und das Bild in seine Tasche und rief den Wachmann.
(c) Guido Lemmel 2009