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Flucht aus Liebe

Gedankenstrudel

Der Bus hielt an. Menschenmassen strömten zur Tür. Miriam hatte große Mühe, sich mit ihrer Tochter Nicki durch das Bündel schweißriechender Fleischberge zu wühlen. Ein Platz war noch frei. Sie setzte sich und nahm die Dreijährige auf den Schoss. Miriams smaragdgrünen Augen sahen heute traurig aus. Sie stierten ins Leere.
Ständig musste sie an Roberts Worte denken. Und das heute! Robert war der beste Freund ihres Ex-Verlobten Martin, der sich vor sechs Monaten aus dem Staub gemacht hatte. Kurz und knapp hatte er ihr gesagt, dass er eine andere Frau liebte – er brauche die Abwechslung, das wisse er nun – schnappte sich seine Sachen und verschwand.
Damals hatte der Schock einen tiefen Schnitt in Miriams sanfte Seele hinterlassen. Sie hatte nie gedacht, dass Martin so herzlos sein konnte. Ihr Bild von ihm zerbrach in einzelne Teile. Er war halt genauso ein Scheisskerl wie alle anderen.
„Martin hat dich angelogen“, hatte Robert gestern gebeichtet, „Es gibt keine andere Frau in seinem Leben, es gibt immer nur dich. Und das heute noch.“
„Erspare dir diese billige Tour“, erwiderte Miriam erregt, „Ihr Kerle steckt doch unter einer Decke!“
„Ich sag‘ die Wahrheit, Miriam! Er hatte dich und Nicki verlassen, weil er euch die Qualen seiner Krankheit ersparen wollte. Sein Arzt hatte damals Krebs festgestellt. Aussichtslos, zum Tode verurteilt. Er hat nicht mehr lange zu leben. Er liegt in der Uni-Klinik und keucht dem Ende entgegen.“
Roberts Worte lagen bleischwer in Miriams Herzen. Ihr Hirn glich einem Kreisel. Verwirrte Gedanken, die nicht zum Anhalten bereit schienen. Wie sehr hatte sie Martin geliebt. Es war so eine Art bedingungslose Liebe, die niemals enden sollte.
Warum hat er mir nicht die Wahrheit gesagt, grübelte sie. Ich hätte doch alles für ihn getan. Nun war es zu spät, viel zu spät.
In der Uni-Klinik hatten sich die Eltern, der Bruder und Robert um Martins Bett versammelt. Nur der Schein einer kleinen Kerze schimmerte in dem abgedunkelten Zimmer auf Martins ausgemergeltem Gesicht. Die Augen lagen tief, schwarze Ränder zeichneten sich darunter ab. Seine Haut sah grau aus, und das einst volle Haar bedeckte nur noch büschelweise den Schädel.
Er hatte Mühe zu sprechen. Jedes Wort quälte sich in Fetzen über seine aufgesprungenen Lippen. Durch halb offene Augen sah er zum letzen Mal seine Lieben, spürte die Wärme ihrer Hände, die abwechselnd sein Gesicht berührten. Wie gut doch diese letzten Minuten taten. Bald würde er sterben. Gottlob, endlich sterben!
Dann sah er auf einmal Miriam und seine Tochter Nicki, die ihn gütig anlächelten. Die Vergangenheit schien unwichtig zu sein, nur die Nähe zählte. Mit letzter Kraft nahm er die Hand von Miriam. Nicki legte ihre obendrauf. Eine Welle der Kraft strömte durch seinen schwachen Leib. Dann zerfloss sie, löste sich auf. Sanft lockerte sich der Griff um Miriams Hand, sein Lächeln erschlaffte. Ein wenig noch erhob sich seine Brust.
Zur selben Zeit klingelte es an der Haustür eines Mannes. Er öffnete. In seinem Gesicht stand Hoffnung, verdrängte Ungeduld. Die Frau vor der Tür fiel ihm um den Hals.
„Hast du dir es überlegt?“ fragte er zweifelnd, da er diesen traurigen Ausdruck ihrer smaragdgrünen Augen nicht kannte. Doch dann funkelten sie wie immer.
„Ich will!“ jubelte sie und schaute zu ihrer Tochter, die diese Zeremonie wohl nicht so recht verstehen konnte.
„Nicki, du darfst jetzt ‚Papa‘ zu Onkel Holger sagen.“
Die Kerze brannte noch immer in Martins Sterbezimmer. Er hatte es geschafft. Seine Hände lagen jetzt gefaltet auf seiner regungslosen Brust.
„Schade, dass Miriam und Nicki sich nicht mehr von ihm verabschieden konnten“, sagte die Mutter und küsste ihren toten Sohn ein letztes Mal auf die Stirn.

(c) Guido Lemmel 1999




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