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Heimfahrt

Gedankenstrudel

Abschied. Gott sei Dank! Wieder für einen Monat Ruhe. Die letzte Zigarette. Brigitte zog sich schon ihren Mantel an. Das machte sie immer, wenn Martin die letzte Zigarette rauchte. Und er mochte es, wenn sie das angewidert tat. Zu Hause durfte er nicht rauchen.
Es war eine klamme Nacht im November. Brigittes Schwester umarmte ihre beiden Gäste. Übliche Nettigkeiten wurden ausgetauscht. Leere Phrasen einmal im Monat. „Ein gelungener Abend, das Essen war wieder ein Gaumenschmaus und die Gespräche so witzig und klug! Wir freuen uns schon auf das nächste Mal!“
Ein Hin und Her banaler Komplimente.
Nichts davon stimmte, fand Martin. Wie immer war das Essen fad und die Unterhaltungen aufgesetzt künstlich, vom aktuellen Wettergeschehen bis hin zu den neuesten Gesichtsoperationen einiger Prominenter. Meistens schwieg Martin bei diesen erbärmlichen Gesprächen, während die anderen über Dinge lachten, die sein Humorverständnis kein Stück berührten.
Der Motor heulte auf. 75Km Landstraße lag vor ihnen. Martin fuhr. Wie immer. Brigitte hatte Angst, in der Dunkelheit zu fahren. Sie hatte vor so vielem Angst.
„Ach, nett war das wieder!“ sagte sie.
„Mmh ...“
„Na gesprächig warst du ja heute nicht gerade.“
„Ihr habt ja genug geredet.“
„Ja, mach es dir mal einfach! Immer die anderen, nicht wahr?“
„Lassen wir das.“
Martin wusste, dass Brigitte bei diesen sinnlosen Diskussionen kein Ende fand. Sie pochte so lange herum, bis er letztlich ihre Meinung widerwillig akzeptierte. Dafür hatte er dann Ruhe.
Die Straße war leer. Genau wie sein Leben seit 20 Jahren. In letzter Zeit beschäftigte ihn das immer mehr. Warum hatten sie beide überhaupt geheiratet? Es konnte doch nicht nur wegen Tinas Geburt gewesen sein?
„Weißt Du“, sagte Brigitte, „Ich habe manchmal das Gefühl, du willst mir irgend etwas sagen. Dauernd grübelst du herum. Was ist denn los mit dir? Früher warst du so spritzig. Sag mir doch, was du hast!“
„Nichts Schatz, gar nichts. Es ist alles in Ordnung.“
Wie sehr hätte er sich für diesen Satz jedes Mal ohrfeigen können. Er hatte einfach nicht den Mut, ihr klar ins Gesicht zu sagen, was er ständig in Monologen von sich gab.
„Na dann weiß ich nicht, was mit dir los ist. Wenn du nicht reden willst... tja!“
Was sollte er ihr sagen? Dass er sein Leben langweilig an ihrer Seite fand? Dass er keine Anziehung mehr spürte, wenn sie in seiner Nähe war? Dass er nachts ihretwegen schwitzte?
Am Anfang war es Gleichgültigkeit. Das Gefühl, die Zeit würde die Dinge schon zum Guten richten. Aber das war ein Irrtum. Die Zeit mag Wunden heilen, aber ohne Wunden schleift sie einen nur durch den leeren Raum.
„Hast du eine andere? Die Kleine aus dem Büro vielleicht?“
„Ach Brigitte! Ich bin doppelt so alt! Die würde doch nicht mit mir ...“
„Genau das wollte ich hören. Du bist charmant wie immer!“
„Brigitte, ich habe keine andere! Wie kommst du darauf?“
„Kann doch sein! Deinem Verhalten nach zu urteilen! Außerdem hast du in deinem Job was zu sagen. Die Tussis stehen doch auf sowas. Und welcher Mann ist da abgeneigt? Ihr seid doch alle gleich.“
„Das ist Unsinn, Brigitte! Das weißt du auch!“
Wieder hatte er gelogen. Martin biss sich auf die Zunge. Brigitte hatte völlig Recht. Die Kleine aus dem Büro himmelte ihn schon eine ganze Weile an und er genoss es. Das waren die Momente, in denen ein Stück seiner Männlichkeit wiedergeboren wurde. Stück für Stück hatte er diese in den letzten Jahren verloren.
Die Straße glänzte im Schimmer des Mondes. Die unterteilte Mittellinie fegte unter dem Wagen hinweg.
„Rase doch nicht so, Martin! Du weißt, wie schnell etwas passieren kann. Hier draußen würde uns niemand finden, ein schrecklicher Gedanke, also fahr langsamer!“
Er drosselte die Geschwindigkeit. Befehl für Befehl führte er aus. Kein Widerstand. Ihre Stimme kratzte in seinen Ohren. Er kam sich vor wie ein einst zähes Stück Fleisch, das in 20 Jahren weichgeklopft wurde.
Victoria hieß die Kleine aus dem Büro. Er nannte sie meistens Vicky, so nannten auch ihre Freunde sie. Sie hatte nichts dagegen. Seit letzter Woche duzten sie sich sogar. Vicky war so anders als seine Frau. Sie sprudelte voller Leben, hatte Ziele und Wünsche und in ihrem Lachen steckte so viel Leichtigkeit, an die Martin sich immer mehr gewöhnen wollte. Er war gern in ihrer Nähe.
„Was grinst du denn so, Martin?“
Er blickte kurz in Brigittes Gesicht, das ihn zweifelhaft musterte.
„Darf ich das nicht?“
„Du machst dich doch lustig über meine Angst!“
„Glaube mir – bestimmt nicht.“
„Seit dem Unfall damals habe ich nun einmal große Angst vor zu hoher Geschwindigkeit. Kannst du das nicht verstehen?“
„Sicher doch.“
„Was ist eigentlich mit dir? Du wolltest doch zum Arzt gehen?“
„Zum Arzt?“
„Nun tue nicht so! Oder hast du die letzte Nacht vergessen?“
„Ach das meinst du.“
„Ja, das meine ich. Es war nicht dein erster Schweißausbruch. Wie kommt das denn?“
„Keine Ahnung, vielleicht habe ich mich irgendwo angesteckt. Grippe vielleicht.“
„Aber so lange schon! Also du solltest das mal nicht auf die leichte Schulter nehmen. Du solltest mal sehen wie unruhig du schläfst. Hast du schlechte Träume?“
„Kann mich nicht erinnern.“
„Ach Martin, unternimm bitte was dagegen. Es ist nicht auszuhalten. Mein Schlaf leidet darunter auch sehr, solltest du wissen!“
„Na wenn es das ist ...“
Martin kannte sein Problem und die nächtlichen Schweißausbrüche, wenn er erwachte und neben sich Brigitte sah, die er gerade noch in seinem Albtraum von der Klippe in die Tiefe gestoßen hatte.
Seit Wochen wurde er von diesen nächtlichen Bildern verfolgt. Sie standen an einer Klippe und unter ihnen klatschte die schäumende Gischt an die scharfen Felsen. Er sah sie an. Ihr Blick war wie immer desinteressiert. Alles was Martin mochte, kritisierte sie. Er liebte den Ausblick auf die See und ihr war es schlicht zu kalt und zu windig. Sie war immer eine Konkurrenz seiner Wünsche. Und dann dieser leichte Stoß in ihren Rücken. Es war ganz einfach, so als würde sie sich fallen lassen. Kein Schrei. Nur der Wind war Zeuge seiner Erlösung. Und dann erwachte er immer wieder schweißgebadet.
Martin drückte das Bremspedal.
„Was ist los? Wir sind doch gleich da!“ empörte sich Brigitte.
„Na was soll sein? Bis zu Hause halte ich es nicht mehr aus. Ich muss mal um die Ecke gehen.“
Er bog in eine schmale Einfahrt zu einer Parkbucht ein. Hohe Büsche säumten die Seiten. Sie waren alleine.
„Mach schnell, Martin! Ich finde das unheimlich auf diesen dreckigen Parkplätzen. Wer weiß, wer sich hier so rumtreibt. Also beeile dich!“
„Keine Sorge, sowas geht bei Männern schnell.“
Er grinste sie an, stieg aus und lief im Scheinwerferlicht zum nächsten Baum. Er spürte ihren Blick und er wusste, sie hasste es, wenn er sein Bedürfnis nicht halten konnte. Zu Hause musste er sich dabei setzen und das Schlimmste für ihn war, dass er ihren Befehl auch ausführte, obwohl sie es nicht sah. Und hier fühlte er sich wie im Rampenlicht seiner eigenen rebellischen Aufführung. Hier draußen hatte er den Mut das zu tun, was sie so verabscheute.
„Na, erleichtert?“ fragte sie, als er wieder einstieg.
„Sehr sogar.“
„Dann mach schnell und lass uns nach Hause fahren. Ich will weg hier, der Ort gefällt mir nicht.“
Martin fummelte in seiner Jackentasche, kramte eine Zigarette aus der Schachtel und zündete sie sich an.
„Spinnst du, Martin? Was soll das? Mach den Stängel sofort wieder aus, hörst du!“
Er reagierte nicht und stieß die erste blaue Qualmwolke aus. Minuten vergingen. Er zog an der Zigarette. Der Tabak knisterte glühend dem Filter entgegen. Brigitte war sprachlos, konnte nichts sagen. Martin griff zum Handschuhfach. Die Klappe fiel auf Brigittes Bein. Vorsichtig griffen seine Finger etwas Kaltes und Glänzendes.
Die zweite Zigarette schmeckte fad. Er sah durchs Beifahrerfenster in die Dunkelheit. Seine Hände waren kalt und er fühlte seine Finger nicht. Dann startete er den Motor und setzte die Heimfahrt fort.
In Tinas Zimmer brannte noch Licht. Als er die Wohnungstür öffnete, kam sie die Treppe herunter.
„Papa, was ist los? Du bis so blass. Ist alles in Ordnung?“
„Na klar, wie immer.“
„Wo ist Mama?“
Keine Antwort. Er legte die Autoschlüssel auf die kleine Kommode im Flur.
„Was ist denn mit deiner Hand? Hast Du dich verletzt?“
Er sah seiner Tochter ins Gesicht. Sein Blick war leer.
„Und warum schwitzt du so?“

(c) Guido Lemmel 2008


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