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Gedankenstrudel
„Liebe Menschen geraten manchmal in Vergessenheit, vor allem dann, wenn sie aufgrund ihrer Sehnsüchte nicht mehr so alltagskonform erscheinen. Dann werden sie oft süffisant belächelt und mit Arroganz schrittweise abgesondert. Diese Geschichte steht für eine alte Frau, die in ihrem Alltag nicht sonderlich aufgefallen ist und doch soviel Wärme und Herzlichkeit in sich trug, die ich als Kind erfahren durfte und an die ich mich heute noch gerne zurückerinnere. Diese Geschichte ist Helene gewidmet – eine gute und solide Oma von der Ostseeküste.“
Helene lächelt. Seit er tot ist, halten sie alle für verrückt. Doch es interessiert sie nicht mehr.
Das Garagentor steht offen. Kinder toben vor der Einfahrt, ziehen Grimassen und gackern. Mütter zerren sie an den kleinen Armen weg und blicken mit krauser Stirn auf die alte Frau mit rundem Gesicht und noch runderen Augen unter fleischigen Brauen. Salzige Böen fallen über den Deich ins kleine Dorf hinab. Wie immer an diesem späten Julinachmittag legt sich der goldene Fächer der Sonne auf den staubigen Garagenboden, wandert weiter an Helenes stämmigen Waden entlang bis zu der Werkbank mit allerlei rostigen Schraubenschlüsseln und verbeulten Kanistern mit Verdünnern darauf. Ein paar Pinsel mit zerfransten Borsten wässern in einem Glas mit Terpentin. Daneben flackert eine Kerze, die schräg geneigt in der wachsverstopften Öffnung bald umzufallen scheint.
Helene sitzt auf einem Küchenstuhl. Links neben ihr steht ein anderer und hinter ihr zwei weitere. Die geblümten Plastikbezüge sind verblichen. Geometrisch genau berühren die äußeren Metallbeine die zwei schwarzen, parallelen Streifen auf dem Betonboden. Jahrzehntelanger Reifenabrieb erzählt von Kommen und Gehen, von Ausflügen und Heimkehr, von Warten und Erwarten – vom Leben mit ihrem Mann.
Sie weiß nicht wie lange sie hier auf ihrem Platz an fast jedem Tag sitzt. Es ist nun beinahe zwei Jahre her, als sein altes Herz nicht mehr schlagen wollte. Die Kinder verkauften das Auto. Helene wollte das nicht, doch niemand hörte auf sie.
„Wozu?“ keifte die Schwiegertochter, „du hast noch nicht einmal einen Führerschein und noch bringt der Wagen wenigstens ein bisschen Geld! Und lass das mit den Stühlen! Die Leute reden ja schon so komische Sachen über dich!“
Helene verzichtete auf Erklärungen, versuchte nicht das Gefühl zu beschreiben, wenn sie einst die Beifahrertür öffnete, der einzigartige Geruch der Ledersitze von innen in ihre Nase stieg, das Geräusch des klimpernden Schlüsselbundes und das leise Brummen des Motors, wenn ihr Mann den Wagen startete und sie dabei mit seinem vertrauten Lächeln verzauberte. All das erklärte sie nicht, oh nein, zu sehr fehlte den anderen etwas. Der Hinweis dieses Verlustes wäre eine unverdiente Belohnung für diese einseitigen Kreaturen, dachte Helene an manchen Tagen bevor ihr Blick vorbei am hochgeklappten Garagentor mit dem winzigen Stückchen Blau des Himmels verschmolz.
Der warme Wind bläst stärker. Helenes Hände ruhen auf ihrem Schoß. Die Kerze ist erst fingerbreit runtergebrannt, neigt sich nun noch weiter zum Gefäß mit den Pinseln hin. Die Flamme schlägt in jede Richtung, züngelt durstig zu der hochentzündlichen, gelblichen Flüssigkeit.
Helenes Blick schlendert in Erinnerungen. Es war ihr letzter gemeinsamer Tagesausflug gewesen bevor er drei Wochen später starb. Irgendwo an die Küste zu den Kreidefelsen nach Rügen fuhren sie, die sie vorher noch nie gesehen hatten. „Die Welt ist so schön“, sagte er immer, „komm lass dich entführen!“
Sie fuhren einfach los. Manchmal wusste niemand, wo sie den ganzen Tag steckten. Zwischendurch hielten sie an, ruhten zwischen Hummeln und bunten Faltern in einer wilden Wiese, aßen Helenes selbstgeschmierten Butterbrote, schlürften dampfenden Kaffee. Dann ging es weiter über heißen Asphalt vorbei an Alleen.
Helene hört das Gekreische der Kinder nicht, die sich erneut vor der Garageneinfahrt versammelt haben. Graue Wolken sind aufgezogen, knisternde Luftwirbel streifen Helenes Wangen und fangen sich im Winkel der hinteren Wand, wo die Kerze nun noch schräger auf ihrem Ständer sitzt und die Flamme um ihren Docht kreiselt. Manchmal blickt Helene zu ihrer linken Seite. Dann berührt sie die Stuhllehne und murmelt kaum vernehmbare Laute, die über ihre zu einem Lächeln geneigten Lippen schwappen.
Als sie damals die Kreidefelsen erreicht hatten, am Rande der Steilküste standen und lange die blaue See in ihrer Weite genossen, hielt er fest ihre Hand. So fest wie noch nie. Sie hatte ihn dabei oft von der Seite angesehen. Wie glücklich er doch aussah. Ein letztes Mal so glücklich.
Es donnert und der Wind riecht erdig.
Sie erinnert sich an die Beerdigung. Zum Grab geht sie kaum. Manchmal will sie noch mal sein glückliches Gesicht sehen. Dann geht sie auf den Deich, schließt die Augen, schmeckt die Ostsee und sieht ihren Mann wie damals an den Kreidefelsen.
Helenes Schwiegertochter marschiert auf sie zu. Sie kennt diesen Gang. Gleich kommt ein Donnerwetter, doch Helene lächelt. Das Eisentor scheppert. Energische Schritte werden lauter. Scharfe Worte hallen in der Garage.
„Verdammt noch mal! Irgendwann brennt hier die Bude! Was soll das Ganze hier überhaupt! Sitzt hier und merkst nicht, dass du bald in Flammen stehst. Wenn ich nicht wäre! Geh jetzt endlich rein, wir kriegen ein Gewitter. Hast du das noch nicht bemerkt?“
Helene lächelt.
„Wenn das so weiter geht ... Glaubst du, ich kann ständig auf dich aufpassen?!? Und hör auf mit deinem blöden Grinsen!“
Die Schwiegertochter löscht die Kerze. Helene lächelt, berührt ihre linke Stuhllehne, nickt und verlässt die Garage immer noch lächelnd vorbei an ihrer Schwiegertochter.
(c) Guido Lemmel 2006