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Gedankenstrudel
Der dumpfe Aufschlag unterbrach einen kurzen Moment diesen grauen Tag. Ich hörte das Schleifen von hartem Gummi auf nassem Asphalt und drehte mich in die Richtung aus der ich gekommen war. Hektische Schreie gefolgt von lüsternen Neugierhälsen fixierten die Stelle, auf der ein Mann mit offener Schläfe und verdrehtem Bein bewegungslos lag. Er sah alt aus. Vielleicht um die siebzig, vielleicht aber auch älter.
Es war Herbst. Die Dämmerung ließ die Blutpfütze schwarz erscheinen. Ich näherte mich dem leblosen Leib. Die Menschentraube bemerkte mich überhaupt nicht. Seine Hände sahen stumpf und abgearbeitet aus. Tiefe Einkerbungen im Gesicht und an den Augen erzählten traurige Geschichten. Ein junger Mann um die zwanzig stieg aus seinem Sportwagen und sah auf die verbeulte Motorhaube. Er schüttelte den Kopf. Einige Wortfetzen, die etwas von einer roten Fußgängerampel und alten Menschen faselten, drangen an meine Ohren. Aus der Menschentraube formten sich zwei Parteien. Die eine beruhigte den jungen Mann, die andere starrte weiterhin auf den blutigen Leib. Ich hingegen wusste nicht, was ich fühlen oder denken sollte. Es kam nicht einmal Mitleid auf, weder für den jungen, noch für den alten Mann. Unter dem Unfallwagen tauchte etwas Weißes hervor. Es war ein kleiner zerknitterter Zettel, der hier noch nicht lange liegen konnte. Ich hob ihn auf und las als erstes das heutige Datum. Darunter standen ein paar Sätze mit fremdartigen Begriffen, die ich nicht verstand. Einen Satz verstand ich jedoch: „D36.9/Tumor, gutartig“.
Vor dem Unfall musste ich weinen, weil ich lange nicht mehr diese Freude und Erleichterung spüren durfte. Jetzt sah ich mich in der Blutpfütze liegen. Die triste Herbstdecke riss auf bis ich ungeblendet in das Herz der Sonne blicken konnte.
(c) Guido Lemmel 2005