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Im Tunnel

Gedankenstrudel

Ich weiß, dass ich tot bin, denn ich wurde gerade erschossen. Direkt in meinen Kopf. Von so einem Irren. Es tat nicht einmal weh, nur der Knall war ohrenbetäubend. In unserem Haus mit der grauen Fassade und den weißen Fensterrahmen. An mehr kann ich mich einfach nicht erinnern.

Joel lag auf der Seite. Ein warmer Luftstrom streichelte seine Wange. Von irgendwo her kam Licht. Er schien, alleine zu sein.

So ist es also, wenn man tot ist. Scheint also zu stimmen, dass danach etwas ist. Hab nie so richtig dran geglaubt.

Er streckte seine Beine. Knochen rasteten in die Gelenke. Seine Finger streiften durch sein Haar, befühlten den gesamten Kopf. Kein Blut, keine Verletzungen und keine Schmerzen. Wo war der Kopfschuss? Benommen versuchten seine Augen, etwas zu erkennen. Joel stand auf und sah prüfend an sich hinunter. Er trug noch den schwarzen Anzug mit der gestreiften Krawatte. Er hasste Krawatten. Seine Schuhe waren staubig. Sogar den Ehering hatte er noch am Finger. Lily wollte sich von ihm trennen. Zwei Monate vor Joels Tod hatte sie ihm das gesagt. Einen anderen Mann hatte sie kennen gelernt. Dieser Lackaffe!
Joel war unverletzt. Er klopfte den Staub von der Hose und richtete sein Jackett. Dann blickte er sich um und verstand sehr schnell, als er den hellen, runden Kreis in der Ferne sah.

Ich bin im Tunnel. Es gibt ihn also wirklich. Und ich bin tot – bin ich das?

Die Röhre hatte die Größe eines Autotunnels. Die Wände waren glatt und schwarz und wie aus einem Guss ohne Fugen und Dellen. Das eine Ende, in dessen Richtung Joel nun langsam lief, leuchtete hell wie eine Sonne. Er konnte direkt in das Licht sehen, ohne geblendet zu werden. Das andere Ende hinter ihm führte in die Finsternis. Beunruhigend wirkte sie. Das Licht lag noch sehr weit entfernt und Joel wollte es schnell erreichen. Er hasste Dunkelheit schon seit seiner Kindheit. Das war immer ein ernstes Problem gewesen. Manchmal hatte Lily darüber gelacht.

Nächsten Monat würde ich 38 werden. Unfassbar – und jetzt laufe ich in ein Nirgendwo hinein!

Ruckartig blieb er stehen, als er hinter sich ein entferntes Zischen hörte. Es kam näher, wurde lauter und es formten sich Stimmen heraus. Sie lachten. Kinderstimmen wie von einem Spielplatz. Joel dreht sich um. Aus der Finsternis schossen lachende Lichtkugeln auf ihn zu. Drei oder vier – so genau konnte er es nicht erkennen. Er duckte sich. Die Kugeln veränderten ständig ihren Kurs. Wie Fledermäuse flogen sie bis an die Decke, dann stürzten sie wieder in Richtung des Bodens oder nach rechts und links. Die Kinderstimmen lachten noch immer und hinter ihnen kamen noch mehr Kugeln aus dem schwarzen Nichts geflogen. Sie wurden immer schneller, je näher sie dem beleuchteten Ende des Tunnels kamen. Das Lachen wurden leiser. Dann verschmolzen die Kugeln mit dem Lichtfleck und es wurde wieder still. Joel starrte fassungslos hinterher.
Die Ruhe hielt nicht lange an. Eilige Schritte eines Sprinters knirschten Joel entgegen Eine menschliche Gestalt aus blauem Feuer rannte direkt auf ihn zu. Die Flammen loderten aus seinem Kopf. Joel bekam Angst und flüchtete. Die Gestalt wurde größer je näher sie kam. Joel spürte die Hitze des Feuerwesens, sah die nervösen Flammen und sprang zu Seite. Die Gestalt wurde noch schneller und schien Joel gar nicht bemerkt zu haben. Dann verschwand auch sie in dem hellen Fleck am Ende des Tunnels. Joel war außer Atem und ihm schmerzten die Füße. Aber er durfte nicht aufgeben, musste weitergehen. Er war dem Tunnelende schon näher gekommen, aber was war das? Die Scheibe war dunkler geworden. Oder hatte er sich getäuscht? Er schlurfte weiter, ließ seinen Blick nicht von dem Licht und wusste nun, dass er sich nicht getäuscht hatte. Er schätzte noch etwa 500 Schritte, die er von seinem Ziel entfernt war und mit jedem weiteren ergoss sich ein immer dunkler werdendes Grau über die runde Fläche aus ihrem Zentrum heraus zu den Rändern. Sein eigener Schatten wurde dennoch länger, legte sich wie ein seidenes Tuch vor seinen Füßen. Als er zurück blickte, ahnte er den Schrecken. Die zuvor finstere Seite des Tunnels hinter ihm erleuchtete nun im satten Schein. Der Tunnel schien wie eine Wasserwaage zu funktionieren. Nähe zum Licht bedeutete Dunkelheit, Entfernung eröffnete Helligkeit, ohne sie jemals berühren zu können. Unkontrolliert änderte Joel seine Richtung und rannte zu dem anderen Lichtkreis. Und es kam so wie er es befürchtete. Auch dieses Licht ermattete zu Grau und hinter ihm wurde es wieder heller, als würde jemand einen Dimmer bedienen und seinen Spaß daran haben. Er stoppte. Beide Seiten waren nun gleich hell. Er befand sich in der Mitte des Tunnels, sah abwechselnd zu den beiden Enden, die die Röhre in einen kerzenscheinartigen Schimmer legten.

Was mache ich jetzt? Zwei Ausgänge und doch fühle ich mich gefangen. Lily würde wieder lachen, wenn sie mich so sähe mit meinem Schweißglanz in meinem Gesicht, der meine ganze Angst vor dieser scheiß Dunkelheit verrät. Verdammt! Ich muss mich entscheiden.

Joel hatte keine Wahl. Er ging weiter. Das Licht vor ihm wurde schwächer. Die Verlockung, einfach umzudrehen und in das satte Licht zu laufen, war groß. Er musste sich ablenken und dachte an Lily und ihre Entscheidung, sich von ihm zu trennen. Einmal hatte er den Kerl gesehen. So ein Typ wie aus einer Illustrierten. Einer, dem die Haut vor Fröhlichkeit spannen muss.

Und auf so einen fällt sie rein! Hab ihr mehr zugetraut. Nun bin ich tot und beide können sich an meinem Vermögen satt fressen. Sollen sie fett werden und platzen!

Der Anblick der Scheibe ähnelte dem einer Sonnenfinsternis. Nur noch die Ränder flimmerten als abschließender dünner Ring eines schwarzen Nichts. Der Schein von hinten hatte seinen Teppich ganz ausgerollt. Er reichte nicht bis zum anderen Ende. Joel war angekommen. Er spürte es, obwohl er nichts erkennen konnte. Tastend streckte er seinen Arm aus. Seine Finger berührten etwas Weiches. Es war kalt und fühlte sich wie Gelee an – nur ein wenig fester noch Ab und zu musste er seinen Blick zurück zum hellen Tunnelende richten. Die Schwärze um ihn herum erdrückte ihn zu sehr und doch war er stolz, den Weg bis hierher geschafft zu haben. Vorsichtig, fast ängstlich, drückte er seine Hand noch fester in die Masse. Kurz darauf versank sein Unterarm in der weichen Wand, so als wäre sie ein Teil seiner Haut. Seine Finger bewegten sich mühelos in ihr als wollten sie etwas greifen. Es war ein angenehmes Gefühl. Noch tiefer steckte er seinen Arm hinein. Wie ein Magnet zog die Wand an ihm. Schlagartig stießen die Finger in etwas Leeres. Ein leichter Luftzug wehte zwischen seinen Fingern. Hinter der Wand musste ein Hohlraum sein. Schnell zog er seinen Arm zurück. Die Haut und der Stoff seines Jacketts waren völlig trocken.

Was soll mir noch passieren? Ein zweites Mal sterben? Ich muss durch die Wand. Hier kann ich nicht bleiben.

Wieder berührte er die Stelle, in der gerade noch sein Arm steckte. Sie war nun verschlossen, hatte sich offenbar selbst repariert und fühlte sich ganz glatt an. Langsam lehnte er seine Schulter an die biegsame Wand, bis diese schleichend von ihr verschluckt wurde. Joel hielt den Atem an und ließ sich seitlich fallen. Das schwarze Gelee verschluckte seinen Kopf. Sein Bein, das noch vor der Wand im Tunnel den Rest seines Gewichtes stützte, hievte mechanisch Joels Körper mit einem Ruck vollständig in die Masse, bis er verschwunden war. Atmen konnte er nicht. Auch nichts sehen. Angenehm warm war es hier. Fast schwerelos und sicher fühlte er sich, bis ein heftiger Windsog seinen Arm wie Blei nach unten zog. Joel konnte sich nicht in der Masse halten und stürzte in den Raum hinter der Wand. Er war frei und konnte wieder atmen, aber es war noch immer finster und die Luft wurde zunehmend kühler, je tiefer er fiel. Der Sturz kam ihm endlos vor.
Seine Rippen schienen seine Brust zu durchbohren, als er plötzlich heftig auf hartem Boden landete. Er hörte sein Herz schlagen und die Luftströme, die durch seine Lunge wirbelten.

Ich muss wirklich tot sein, denn sonst wäre ich es spätestens jetzt nach diesem Sturz.

„Ist hier jemand?“ Kein Echo. Jetzt sah er wie tief er gefallen war. Weit oben tauchten Lichtblitze auf. Sie zuckten unregelmäßig wie aus einer Gewitterwolke und bewegten sich in Joels Richtung nach unten. Die Luft knisterte elektrisch. Hunderte kleiner Blitze trafen sich in der Mitte der endlosen Säule, durch die er gefallen war, und formten sich zu einer fast runden Scheibe. Auch dieses Licht blendete nicht. Joel sah direkt in das Zentrum, bis sie ein paar Meter über ihm zum Stillstand kam, in der Luft schwebte und sogar eine angenehme Wärme abstrahlte.

Sie sieht mich an. Sie lebt und sieht mich an. Ich weiß es.

Das Licht wurde matter. Bilder entstanden wie auf einem Bildschirm. Joel erkannte einen Baum. Er sah ein Haus mit grauer Fassade und weißen Fensterrahmen. Sein Haus.
Er betrachtete seinen eigenen Film und erinnerte sich wieder in Fetzen an das Ende seines Lebens.
Der Tag war sonnig gewesen. Vögel sangen angenehme Melodien. Ein Auto hielt in der Einfahrt. Die Sonne glänzte auf dem polierten, schwarzen Lack seiner Limousine. Joel stieg aus. Die Autotür klappte gedämpft in ihr Schloss zurück. Er war guter Laune. Er pfiff ein Lied und kramte den Hausschlüssel aus seiner Hosentasche. Den Knoten seiner Krawatte hatte er zuvor schon gelöst. Joel hasste Krawatten. Sie engten ihn ein.
Heute konnte er früher die Firma verlassen. Er brauchte den Schlüssel nur einmal zu drehen, bis die Tür sich öffnete. Das war seltsam, denn er schloss sie immer mit zwei Drehungen ab. Und Lily hatte keinen Schlüssel mehr. Irgend etwas war anders. Er spürte es. Jemand musste hier im Hause und ganz nahe bei ihm sein. Es war längst zu spät, als er sich umdrehte und in das Gesicht blickte, das er erst einmal zuvor gesehen hatte. Und es stimmte – der Kerl glich den Werbetypen einer Illustrierten. Selbst jetzt hatte er ein fröhliches Gesicht hinter dem Lauf seines schwarzen Revolvers.
„Du störst mein Vorhaben“, sagte er mit bitterem Lächeln. Joel duckte sich, aber fliehen konnte er nicht mehr. Schmerzen spürte er keine, aber der Knall war ohrenbetäubend. Es ging schnell. Er fiel nach vorne und sein Kopf prallte seitlich auf den kalten Fliesenboden. So leicht hatte Joel sich noch nie gefühlt, als das Blut im Takt seiner letzten Herzschläge aus der klaffende Wunde lief und den Boden schlierig rot färbte.
Der Film war zu Ende. Das Bild verschwamm. Blitzen zerteilten die Scheibe in funkelnde Einzelteile, die wie Glühwürmchen in der Finsternis allmählich verblassten.
Joel war müde, endlos müde. Er wusste nicht, ob er eingeschlafen war, doch bevor er die Augen öffnen konnte, hörte er nervöse Stimmen. Dann sah er verschwommen einen jungen Mann in weißem Kittel und eine Krankenschwester, die neben ihm an einem Gerät fummelte. Der Mann im Kittel sagte etwas zu Joel, aber seine Stimme hörte sich wie dumpfes Brummen an. Die Schwester schien immer hektischer zu werden und eilte aus dem Zimmer. Es roch nach Krankenhaus. Joel hatte einen Schlauch im Mund, seine Zunge war trocken und schien wund zu sein. Er atmete flach und konnte verschwommen eine weitere Frau sehen. Sie sah anders aus und kam näher an Joels Gesicht heran. Der Arzt ging ein paar diskrete Schritte zur Seite. Sie lächelte. Es war Lily. Dicht an seinem Ohr flüsterte sie kaum hörbare Worte, aber Joel konnte jedes einzelne verstehen.
„Hörst du Schatz? Du hast fast drei Monate im Koma gelegen und es tut mir alles so leid. Verstehst du mich?“
Joel blinzelte. Ihr Lächeln war eine Wohltat, als hätte jemand die Zeit in eine Glückskapsel eingesperrt.
„Drei Monate waren eine schwere Zeit für mich, verstehst du? Es war alles ganz anders gedacht, Liebling! Du hättest nicht früher nach Hause kommen sollen! Dann wäre das nicht passiert!“ Ihr Blick hatte sich in Joels Augen gelegt. Lilys Stimme wurde noch leiser.
„Doch eines werde ich dir versprechen – noch einmal kommst du uns nicht davon. Der nächste Plan wird funktionieren.“
Das Gerät neben Joels Kopf piepte grell. Der Arzt schrie aufgeregt nach der Schwester. Joels schwaches Herz dröhnte in seiner Brust. Es schmerzte. Er versuchte, Worte zu formen, aber nur ein verzweifeltes Röcheln verließ seine Lippen. Ihm wurde schwindelig. Lily stand vor dem Bett und sah ihn an. Niemand sonst bemerkte ihren mörderischen Blick.
In diesem Moment wurde es warm. Ein sanfter Hauch benetzte Joels Rücken und legte sich wie ein Mantel um seinen Körper, der ihn in die Höhe hob. Er blickte um sich. Lily stand noch immer vor seinem Bett, ein paar Männer kamen mit einem schweren Gerät in das Zimmer und entblößten Joels Brust, die sich kurz darauf verkrampft aufbäumte. Er sah direkt von oben auf seinen schwachen Leib. Lily hatte heute ihr Haar zu einem Zopf gebunden. Immer weiter entfernte er sich. Die Figuren in dem Krankenzimmer wurden winzig. Die hektischen Geräusche verhallten. Eine Hand griff nach seiner. Er musste lachen und obwohl er nichts verstand, begriff er alles. Vor ihm schwebte seine Großmutter. Ihr Gesicht leuchtete hell. Er war noch ein Kind, und er kann sich noch gut an den kleinen Luftzug an seinem Ohr erinnern, als ihr Herz aufgehört hatte zu schlagen. Das hatte er nie vergessen.
Beide rauschten sie durch den Horizont. Alles sah anders aus. Die Farben der Bäume leuchteten satter. Sie flogen durch die Luft. Ohne Schwerkraft, aber auch nicht schwerelos. Die Luft glich einer unsichtbaren Haut, in der man sich frei bewegen konnte, ohne zu fallen. In der Ferne schien ein heller Fleck, der magnetisch an Joel und seiner Großmutter zog. Sie wurden immer schneller und näherten sich dem Licht, bis sie ganz und gar von ihm eingeschlossen waren. Joel sah den Tunnel, in dem er sich vor kurzem noch befunden hatte. Neben ihm tauchten weitere Figuren auf. Da waren auch wieder lachende Kinder. Der Tunnel war hell erleuchtet. Unten lief ein Mann und duckte sich ängstlich. Joel musste lachen als er ihn sah, denn er begriff immer mehr.

Ich weiß, dass ich tot war, denn ich habe gerade das Leben verlassen. Und ich weiß, dass es beides nicht gibt, sonst wäre ich jetzt nicht hier.

(c) Guido Lemmel 2008


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