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Gedankenstrudel
Endlich liege ich im Bett. Habe heute wieder genug gesessen. Manchmal strengt mich das Sitzen sehr an. Nach diesen Zeilen werde ich hoffentlich meinem Traum begegnen. Was wäre ich nur ohne mein Traumbuch? Es passiert mir oft, dass ich mein Geschriebenes im Schlaf fühlen kann. Mit allen Sinnen.
Ich habe sie heute wieder gesehen. Bezaubernd wie immer. Es war unten im Park an der alten Holzbrücke. Ihr kleiner Sohn war auch dabei. Jeden Sonntag gehen sie dorthin. Sie warfen kleine Brotkrumen zu den Enten. Ihr Lachen liegt mir im Ohr. Habe mir diese Musik eingeprägt.
Ich kenne nicht einmal ihren Namen, weiß nicht, woher sie kommt. Sie wird mein Alter haben. Mitte dreißig. Vielleicht ist sie verheiratet. Ich glaube es aber nicht. Sie war noch nie mit einem Mann im Park. Sie ist bestimmt eine allein erziehende Mutter.
Ich werde nie den Tag vergessen, als ich ihr begegnet bin. Es war nur kurz, ein flüchtiger Moment und doch kann ich sie seitdem nicht mehr vergessen. Ihr Sohn hatte mich angestarrt, so wie kleine Kinder es halt machen, wenn sie etwas nicht verstehen. Dann wünschte sie mir einen guten Tag und sah mir in die Augen und ich in ihre. Es war ein Moment voller Blitzschläge, die mir durchs Herz zuckten. Ich hätte nie geglaubt, dass es tatsächlich so etwas gibt, wenn man sich in die Augen schaut und weiß, wonach man so lange gesucht hat.
Seitdem bin ich jeden Sonntag im Park und beobachte sie im Schutz eines Busches. Ich glaube nicht, dass sie mich schon einmal bemerkt hat.
Wenn ich mich nur trauen würde, sie einfach mal anzusprechen. Vielleicht sollte ich das machen. Oder vielleicht besser nicht. Ich entspreche bestimmt nicht ihren Vorstellungen von einem Mann. Sie könnte sich eventuell gekränkt fühlen, würde ich sie ansprechen. Das will ich nicht. Ich könnte dann nicht mehr träumen.
Es gibt Frauen, die sind hübsch, die schaut man sich gerne an. Und es gibt Frauen, deren Beschreibung auf ein einzelnes „Hübsch“ nicht gerecht wird. Sie ist so eine Frau. Ich mag ihre Bewegungen – selbst wenn es das einfache Werfen eines Brotkrumens nach Enten ist. Heute trug sie ein helles Kleid bis zu den Knien. Ich sah zum ersten Mal ihre Beine. Sie hat wundervolle Beine, und wenn sie es nicht wären, dann hätte sie dennoch wundervolle Beine! Für mich.
Wie gerne würde ich mit ihr um die Wette rennen. An irgend einem schneeweißen Strand. Neben uns schäumt die Meeresgischt. Es ist noch früh am Morgen. Keine Menschenseele ist zu sehen. Nur wir beide. Die Sonne glitzert auf dem Wasser. Und wir rennen. Schneller und schneller bis zu der Palme, die wir uns als Ziel gesteckt haben. Sie überholt mich, dann opfere ich die letzte Kraft aus meinen Beinmuskeln und flitze doch noch als Erster ins Ziel. Sie rennt trotzdem mit voller Energie weiter, weil ich nun ihr Ziel geworden bin, denn ich lasse mich in den warmen Sand fallen, breite meine Arme aus, empfange sie lachend und drücke sie an mein hämmerndes Herz. Ach, hätte ich nur so kräftige Beine wie in meinem Traum!
Vielleicht werde ich sie heute Nacht im Schlaf besuchen. Das wär’s! Das würde mir gefallen. Nur im Traum fühle ich mich wirklich frei und unbeschwert. Ich glaube, ohne meine Träume würde ich schrumpfen.
Nicht einmal mein bester Freund Robert weiß von ihr. Ich erzähle ihm sonst alles, aber ich möchte diese Frau nicht einfach als Objekt meiner Begierde hinstellen. So würde er meine Gefühle deuten. Sie ist viel mehr als nur ein optischer Orgasmus. Sie schenkt mir Träume.
Er würde mir bestimmt raten:
„Sprich sie an. Sie wird dich schon nicht beißen. Frag sie, ob sie mit dir einen Kaffee trinken geht, dann wirst du ja sehen wie sie auf dich reagiert!“
Ich könnte ihr erzählen, dass ich sie ab und zu im Traum treffe. Ich sage ihr einfach:
“Hey, wir sind letzte Nacht am Strand gewesen. Ich habe das Wettrennen gewonnen, weil ich so ein guter Läufer bin.“
Nein, das werde ich nicht machen. Womöglich könnte sie das nicht verstehen und mich für verrückt halten. Ich bleibe lieber in meinen Träumen. Da bin ich bei ihr. Dort ist meine Welt noch so wie vor vier Jahren.
Jedoch hatte ich vor vier Jahren eine miese Ehe und tausend geschäftliche Termine. Zu viele Termine sind nicht gut. Ich raste mit der Zeit. Man verliert den Blick und ehe man ihn wiederfindet, ist es zu spät.
Es war tatsächlich zu spät. Das sagten mir auch die Ärzte nach dem Koma, in dem ich gelegen hatte. Der Autounfall hatte mein Leben gestoppt. Sie mussten mir beide Beine amputieren.
Werde nun das Licht ausknipsen, die Augen schließen und hoffentlich bald mit ihr am Strand um die Wette rennen. Diese wundervollen Beine müssen einfach rennen. Gute Nacht Leben. Guten Morgen Traum!
(c) Guido Lemmel 2000