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Leseprobe

Mein erstes Buch

Nicht versetzt




Lars’ kleine Kinderfüße plumpsten bei jedem Schritt auf den Gehweg. Die Schule war schon seit einer Stunde vorbei. Er hatte lange noch auf seinem Platz gesessen, mit seinem Lehrer geredet, doch der erzählte etwas von Fleiß und Konzentration während des Unterrichts.
Und Zuhause kühlt Mutter ihre blaugeschwollene Wange.
Der vollgestopfte Ranzen auf seinem Rücken schlabberte hin und her. Während Lars in Richtung seines Zuhauses lief, suchten seine Augen nach möglichen Irrtümern auf dem vollgeschriebenen Blatt Papier, das er sich vors Gesicht hielt. Hier eine Bemerkung mit warnendem Ausrufezeichen, dort eine durchgestrichene lange Zahl, die Lars für die richtige Lösung hielt und für die er so lange gebraucht hatte. Überall die grelle, rote Doktorschrift seines Mathematiklehrers und die deutlich geschriebene, doppelt unterstrichene fette Zahl am Fuße des Blatt Papiers. Eine 5 – es war kein böser Traum, die kleine Welt eines kleinen, elfjährigen Jungen schien still zu stehen.
„Wo bleibt denn der Bengel!“ knirscht der Vater. Mutter wischt sich eine Träne aus dem Gesicht.
„Du musstest ihn ja auch gestern so anbrüllen!“ sagt sie.
„Ich hätte ihm den Arsch versohlen sollen! Diese Unpünktlichkeit hat er von dir!“
Mutter schweigt und schluckt fest. 10 Jahre schon. Immer muss er das letzte Wort haben.
Es war nicht die erste 5 auf seiner Klassenarbeit. Viel zu viele hatte Lars schon nach Hause gebracht. Doch diesmal schnürte es ihm den Hals zu. Er wusste, dass er die Klasse noch einmal wiederholen musste. Es war die letzte entscheidende Arbeit vor der Versetzung in die sechste Klasse. Seinen Freund Olli würde er bestimmt vermissen. Olli wohnte nur ein paar Straßen weiter im 13. Stock des Hochhauses. Wie oft sind sie dort schon über die Treppe aufs Dach gestiegen und haben heimlich Zigaretten geraucht!
Vater nuckelt an der Bierflasche und sieht sich das Länderspiel im Fernsehen an. In der Küche zischt paniertes Fleisch in der Pfanne. Mutter bereitet das Essen vor und denkt an Lars. Sie hat ein ungutes Gefühl, kann es nicht begründen, aber es ist da und drückt in ihrem Bauch. Immer wieder lugt sie hinter der Scheibe aus dem Küchenfenster.
„Nun schieß doch, du Lappen!“ brüllt Vater den Fernseher an. In zwanzig Minuten gibt’s Essen. Noch keine Spur von Lars.
Er hatte keinen Hunger. In seiner Magengegend saß ein dicker Brocken angehäufter Furcht und Selbstzweifel. Lars kam der elterlichen Wohnung immer näher. Er wohnte in einem dieser grauen Betonblöcke. Keiner unterschied sich von dem anderen. Er sah zu dem Küchenfenster im siebenten Stock, wo hin und wieder Mutters Gestalt zu erkennen war. Bestimmt machte sie das Essen. Wie jeden Tag zur gleichen Zeit. Die Klassenarbeit hatte Lars zusammengefaltet und in seine Hosentasche gestopft. Es war eh zu spät. Warum wollte Vater nur, dass Lars einmal studieren sollte? Er hatte nie gesagt, wozu das gut sein sollte. Er meinte dass es wichtig sei, später viel Geld zu verdienen. Vater hatte nie studiert. Sein Schulabschluss reichte für den Hilfsjob auf dem Bau.
„Wenn du studierst und viel Geld verdienst, bekommst du anständige Frauen!“
Mutter war doch die anständigste Frau der Welt, und Vater hatte sie bekommen, obwohl er nicht studiert hatte.
Halbzeit. Bunte Werbung in der Flimmerkiste. Das dritte Zischen aus der Bierflasche. Vater trinkt zu viel.
„Wo bleibt denn der Bengel!“ bellt er. Das Fleisch in der Pfanne ist dunkler geworden. Der Qualm brennt in den Augen.
„Machst du das das erste Mal?“ fragt Vater. Mutter wird hektisch, und in ihrer unsicheren Art fällt ihr beinahe die Pfanne aus der Hand. Vater grinst hämisch.
„Wenn der nach Hause kommt, gibt’s eine Lektion! Wenn ich früher zu spät gekommen bin, dann gab’s was mit dem Gürtel. Und es hat mir nicht geschadet!“ Mutter sieht ihn nur schweigend an.
Lars ging nicht zur Haustür. Er lief vorbei. Mutter hatte ihn von oben nicht sehen können. Ein paar Häuser weiter wohnte Olli. Der war bestimmt schon daheim. Lars brauchte jetzt jemand zum Reden. Gestern hatte Vater etwas von einem Gürtel erzählt, den Lars im Falle einer schlechten Note schon spüren würde. Das letzte Mal bekam er ein nasses Handtuch um die Ohren. Drei lange Tage hatte Lars stechende Schmerzen im Kopf gehabt. Er wusste, dass Mutter sich Sorgen machen würde, aber sie konnte ihm nicht helfen, wenn Vater prügelte.
Vater schimpft über das angebratene, bittere Fleisch. Mutters Gedanken sind bei Lars. Sie geht zum Telefon, ruft bei Olli an. Vielleicht ist Lars ja dort. Zehnmal lässt sie es klingeln. Niemand nimmt ab. Es ist zum Verzweifeln. Ihre Sorgen sind viel zu groß für das bisschen Kraft in ihr.
Im dreizehnten Stock roch es nach Essig. Der Linoleumboden war noch feucht von dem Wischmop. Ein sauberes Haus für diese Gegend. Lars hatte irgendwo geklingelt, um hinein zu kommen. Bei Olli reagierte niemand, aber vielleicht war ja auch nur die Türglocke abgestellt. Das machte Olli manchmal, wenn er im Internet chattete und nicht gestört werden wollte.
Er klopfte an die Tür. Immer heftiger, als würden die Wölfe hinter ihm lechzen. Sein Drang nach kindlicher Knabenfreundschaft war plötzlich so stark wie nie zuvor. Er fühlte das zusammengefaltete Stück Papier in seiner Hosentasche. Niemand öffnete die Tür. Lars presste sein Ohr an das kalte, blanke Holz. Alles still. Nichts zu hören. Der dreizehnte Stock mit den fünf spiegelglatten Türen, dem nach Essig riechenden sterilen Boden wirkte in seinem flackernden Licht wie tot. Lars konnte kaum atmen. Er musste raus hier. Er eilte zum Treppenhaus. Flucht aufs Dach. Vielleicht fand er dort auch seinen Freund Olli, und vielleicht hatte Olli sogar Zigaretten dabei. Ja, eine Zigarette rauchen bis es sich im Kopf dreht, das war Lars’ Wunsch.
Die Halbzeit ist vorbei. Vater folgt dem Spiel im Fernsehen. Mutter klappert mit dem Geschirr. Jetzt guckt sie noch öfter aus dem Fenster. Wenn sie mit der Küchenarbeit fertig ist, wird sie runter gehen und Lars suchen. Sie muss irgendetwas tun. Dieses Warten macht sie irrer als sie schon ist.
Die Tür stand wie immer offen. Dass das noch keiner bemerkt hatte! Hier oben blies der Wind heftig.
„Olli!“ rief Lars. Ein zweites Mal und ein drittes gedehntes hilfeschreiendes „Olli“ versackte im Wind. Keine Antwort. Lars ging in die Ecke über den Kies zu dem Lüftungsrohr. Dort roch es nach fettiger Küche und jauchiger Toilette. Dort lagen die sechs zerquetschten Filter der heimlich gerauchten Zigaretten.
Mutter zieht sich ihre blaue Daunenjacke über und schlüpft in ihre Turnschuhe. Vater hört das Zuschlagen der Tür nicht. Sie ist aufgeregt. Sie hat immer noch dieses ungute Gefühl.
Lars beobachtet die kleinen Figuren unten auf dem Gehweg. Sie sehen so winzig wie Ameisen aus. Sie laufen geschwind hin und her als wüssten sie nicht wohin. Von oben sieht alles so unwichtig aus. Für einen Moment hat Lars sogar seine schlechte Zensur vergessen und die Angst vor Vater und dem Gürtel. Doch er spürt wieder das Stück Papier in seiner Hose, holt es hervor und blickt wieder auf die fette, rote Zahl, die ihm alles zerstört hatte. Und die Angst ist wieder da. Der Wind greift in sein Haar, peitscht es in jede Richtung. Lars ist ratlos und fängt an zu weinen. Vater hatte ihm gesagt, dass er nie ein Mann werden würde, wenn er bei jedem Pfurz anfing zu flennen. Doch die Tränen schießen aus ihm heraus. Hier oben sieht es keiner. Zum ersten Mal verflucht er sein elfjähriges Leben.
Mutter rennt ziellos umher. Ein paar Leute, die sie aus dem Zeitungsladen kennt, fragt sie nach ihrem Sohn Lars. Schulterzucken. Gleichgültigkeit.
Lars lässt die Füße baumeln. Unter ihnen erstrecken sich sechzehn Stockwerke haltlose Tiefe. Er sitzt auf der Brüstung. In seinen Händen hält er noch immer die nunmehr zerknitterte Klassenarbeit.
Auf Mutters Stirn haben sich Schweißperlen gebildet. Sie sieht eine dicke Menschentraube vor dem Haus, in dem Olli wohnt. Ihre Ahnung ist schrecklich. So schrecklich.
Es gellen Sirenen durch die Häusersiedlung. Mutter kommt der Menschenmasse näher. Manche sehen schockiert weg, manche aber betrachten die Stelle gierig. Ein Passant fotografiert sogar. Mutter kämpft sich durch die mantelbepackten Fleischmassen und stiert auf das Stückchen Mensch vor sich. Sein Gesicht ist zum Boden gewandt. Blut sickert irgendwo aus dem Kopf heraus. Sein Arm ist verdreht. Mutter erkennt das Haar, die Jacke und den Schulranzen, der ein paar Meter von ihm entfernt liegt. Sie schließt die Augen und sieht ihn als Baby nuckelnd an ihrer Brust im Krankenhaus vor knapp zwölf Jahren, als die Hoffnung noch groß war.
Ein Stück Papier tanzt vom Wind geführt über den Boden. Niemand beachtet es bei dem Müll, der hier so rumliegt. Es sieht unwichtig aus. Sogar die fette, rote Zahl und die kaum lesbare Doktorschrift eines Pädagogen.

(c) Guido Lemmel


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