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Mister X und Armin

Gedankenstrudel

Eine Kerze flackerte auf der Tischmitte. Stumm saßen sie sich gegenüber. Er war wieder da. Dieser Mixter X. Armin nannte ihn aber nur „X“. Das „Mister“ davor war zu viel für diesen Quälgeist. „X“ hatte das Mister nicht verdient.
Armin beobachtete ihn hinter den Schwaden seines ausgeblasenen Zigarettenqualms. Er musste sich eingestehen, dass X sein Bruder sein könnte. Die Ähnlichkeit war frappierend. Runde, braune Augen saßen fest unter der eckigen Stirn. Einzelne Silbersträhnen verloren sich in dem Busch seines gewellten, dunklen Haares. Der zu einer Linie geschnittene Bart betonte das kantige, dennoch zerbrechlich wirkende Kinn.
Armin hatte X kennen gelernt, als er wieder einmal volltrunken aus der Kneipe torkelte. Auf einmal war er da, stützte ihn seitlich und brachte ihn Heim. Seitdem lässt er Armin nicht mehr in Ruhe. Ein halbes Jahr meldet er sich nicht, dann steht er wie bestellt vor der Tür und wundert sich noch über Armins angewiderten Gesichtsausdruck.
„Hätte ich dich damals nicht gerettet, dann wärst du dem Suff erlegen! Lebendig begraben wärst du! Vergiss das nie!“ ist jedes Mal seine einzige Begründung, bevor er Armin wieder und wieder sein Gewissen zuquatscht. Woher kam X und warum hatte er solch starkes Interesse an Armins verpfuschtem Leben? Und warum schaffte es Armin nie, ihn einfach rauszuschmeißen?
„Darf ich?“ fragte X.
„Mach doch! Bedienst dich doch sowieso.“
X griff nach der Weinflasche und goß das rubinrote Nass in sein Glas, das abstrakte Muster im Kerzenschein auf die Tischplatte warf.

X ließ abfällig seinen Blick durch den Raum schweifen.
„Ich sehe, es hat sich nichts geändert. Was hast du die ganze Zeit gemacht? Den Tag verlebt? In den Ecken deiner staubigen Bude Erklärungen gesucht? Die Täter deines Opferdaseins gesucht?“
„Und wenn es so wäre? Was geht dich das an?“
„Ich bin dein Lebensretter. Das weißt du doch. Ohne mich hättest du keinen Plan.“
„Was! Ohne dich ...“
„Jetzt bist du eine Niete. Ohne mich wärst du eine noch größere Niete. Ich erspare dir die Steigerung. Sei mir dankbar.“
Festes Schlucken in Armins Hals.
„Na was ist? Was schaust du so? Musst mir doch Recht geben!“
„Dir Recht geben! Da kann ich nur lachen!“
„Du hast aber nichts zu lachen.“
Zielgesteuert griff Armins Hand zu dem Weinglas. Drei große Schlucke dämpften ein wenig die Wut über das Monster gegenüber.
„Lass mich doch einfach in Ruh'!“ knirschte Armin.
„Schmeiß mich doch raus! Pack mich am Kragen und setz mich vor die Tür“, lachte X schallend.
„Sei nicht so laut. Was sollen die Nachbarn denn denken!“
„Nicht mal die denken noch etwas über dich! Fange lieber mal selbst mit dem Denken an!“
„Denken? Über was soll ich denn noch nachdenken? Über mein beschissenes Leben? Oder soll ich über dich nachdenken?“
„Wie wär's denn mal mit deiner Familie, du egozentrischer Nichtsnutz!“
„Halt deine Klappe!“
„Mach du deine mal lieber auf!“
Nervös stand Armin auf, brüstete sich vor X, der mit gelassenem Blick an seinem Weinglas nippte.
„Verzieh dich hier endlich! Ich habe dich nicht eingeladen, hörst du!“
„Vielleicht hättest du ja dann vorher aufgeräumt.“
„Was!“ schrie Armin, „Gefällt dir meine Bude etwa nicht, häh?!?“
Mit einem hämischen Grinsen sah X durch die geöffnet Tür in die Küche.
„Ach! Du meinst also, ich sollte mal wieder spülen!“ brüllte Armin. „Bitte – du glaubst wohl, ich kann das nicht!“
Strömendes Wasser dampfte aus dem Hahn in das mit Geschirr vollgestellte Becken. Schaumkronen erweichten die letzten Essensreste beschmierter Teller und Pfannen. Es schepperte.
„Komm wieder her und setz dich!“ befahl X. Armin gehorchte.
„Wo waren wir stehen geblieben?“
Armin entkorkte die zweite Flasche Wein, während X die provokante Stille mit einem weiteren Grinsen besiegelte.
„Ich hab es – wir waren bei deiner Familie!“
„Davon will ich nichts hören, verstehst du!“
„Du musst aber!“
„Wie oft hab ich dir schon gesagt, dass ich nichts dafür kann, dass Jil abgehauen ist!“
„Ist das dein Ernst oder spricht der Suff aus deiner Kehle?“
„Jil hatte doch immer geglaubt, sie wäre der einzige Mensch ,der sich um Ben kümmern würde! Meine Trauer hat sie doch gar nicht gesehen.“
„Deine dämliche Trauer hat alles andere überdeckt, du Blödmann! Begreifst du das nicht?“
„Woher willst du das alles wissen? Du warst doch damals gar nicht dabei!“
„Oh glaube mir, solche Typen wie dich gibt es leider wie Sand am Meer.“
„Ben war krank, verstehst du! Mein einziger Sohn hatte Leukämie! Du kannst doch gar nicht nachempfinden, was das bedeutet.“
„Muss ich das? Es reicht ja, wenn ich dich sehe. Abgemagert und vor Selbstmitleid zerfressen.“
„Jil hätte mich nicht verlassen sollen! Sie ist einfach gegangen, ohne ein Wort zu sagen.“
Armins Stimme wurde heiser und in ihr klang eine kindliche Unsicherheit.
„Ich brauch sie doch so sehr.“
„Das einzige, was du brauchst ist dein dämlicher Suff, damit du bloß nicht die Gabe verlierst, deine Schuld auf andere zu verteilen.“
„Ich habe keine Schuld an Bens Tod! Kapier das endlich!“
„Du hast aber Schuld an deinem Tod.“
„Da hinten ist die Tür! Hau endlich ab!“
„Du wirst mich los sein, wenn du wieder lebst, verstehst du?“
„Wie soll ich denn leben ohne Jil – erklär mir das!“
„Lass doch einmal Jil aus dem Spiel! Sie hat das einzig Richtige getan: sie hat dich verlassen.“
„Sie ist gegangen, als es mir dreckig ging.“
„und war da, als Ben im Sterben lag. Wo warst du da eigentlich?“
Armin schwieg. Sein Weinglas konnte er nur schwerlich ruhig halten.
„Sag mir wo du warst, oder muss ich deinem Gedächtnis etwas nachhelfen?“
Der Sekundenzeiger der Schrankuhr schien immer lauter zu ticken.
„Ich sag's dir. In der Kneipe warst du. Ich hab dich ja beobachten können. Wie ein nasser Lappen hingst du auf dem Barhocker. Vor dir der braune Hochprozentige und dahinter die Brünette mit den dicken Titten, auf die du ständig gegeiert hast.“
„Ja, okay! Hast ja Recht! Ich war in der Kneipe, hab mir ein paar in die Birne gedröhnt! Na und? Was soll's? Hatte ich nicht schon genug durchgemacht?“
„Du begreifst es einfach nicht, oder? Hast du vielleicht deshalb deinen Job verloren, weil du so schwerfällig und dämlich bist?“
„Untersteh dich!“
„Ich hoffe wirklich, ich muss dich bald nicht mehr sehen. Dein Anblick bereitet Schmerzen“, sagte X missfällig.
„Das wünsche ich mir seit ich dich kenne. Wenn ich draußen im Flur Schritte höre, denke ich immer du stehst gleich vor meiner Tür und nervst mich wieder mit deinen Anschuldigungen. Dabei hab ich doch gar nichts getan.“
„Natürlich nicht! Das ist ja dein Problem.“
„Ich will davon nichts mehr hören!“
„Wir haben eine Pause verdient. Hast du nicht noch etwas in der Küche zu erledigen?“
Armin schien erleichtert zu sein. Bloß ein paar Minuten Ruhe vor X. Geradlinig rannte er in die Küche. Wieder schepperte das Geschirr. Danach benetzte scharfer Glasreiniger die Scheiben der Vitrine. Armins Arme kreisten geübt in peniblen Wischbewegungen. Anschließend klatschten die triefenden Wollschnüre des Wischmops auf den glatten Linoleumboden.
„Du musst sie besser auswringen!“, rief X aus dem Wohnzimmer, „Das ist doch viel zu nass!“
Armin tat was er sagte. Als es an der Tür schrill läutete, stockte sein Atem.
„Wer kann das sein?“
„Mach einfach die Tür auf, dann weißt du es.“
Vorsichtig lugte er durch den Türspion und sah in der Perspektive eines Fischauges das ungeduldige und angespannte Gesicht von Jil. Die Scharniere knarrten beim Öffnen.
„Na endlich“, murrte Jil, „Ich dachte schon, du bist wieder in der Kneipe.“
„Was willst du hier?“
„Hast du meine Mail nicht bekommen?“
Armin zögerte. „Ach die.“
„Was riecht hier so?“
„Hab die Küche gewischt.“
„Wurde ja auch Zeit. Hast du meine restlichen Klamotten rausgesucht?“
„Vergessen. Tut mir leid.“
„Na dann mach ich es halt selbst. Wie alles.“
Jil ging direkt durch die Diele ins Schlafzimmer, öffnete den klobigen Kleiderschrank und warf einige Pullover auf die streng zusammengefaltete Bettdecke. Armin stand im Türrahmen und beobachtete die zierliche Statur seiner Jil. Er vermisste ihre einst so bedachten Bewegungen. Jetzt schien sie seine Nähe nur noch mit einem Fluchtgedanken ertragen zu können. Ihr Haar war straff nach hinten zu einem Pferdeschwanz gebunden. Unter ihren Augen schimmerte es dunkel. Wie der Grund eines ausgetrockneten Tränensees.
„Willst du nicht auf ein Glas Wein bleiben? Ich hab Besuch. Könnte jetzt ein bißchen Abwechslung brauchen.“
„Nein lass mal. Ich will deinen Besuch nicht stören. Außerdem haben wir uns sowieso nichts mehr zu sagen.“
Wortlos stopfte Jil ihre Klamotten in einen Beutel. Wieder knarrten die Scharniere der Wohnungstür bis es ruckte und knackte. Jil war fort. Wieder fort.
„Mach nicht so'n Gesicht, du Schlappschwanz! Hättest sie mir ruhig vorstellen können.“, sagte X, als Armin in das Wohnzimmer schlurfte.
„Sie hatte keine Lust.“
„Lag bestimmt nicht an mir.“
Armin setzte sich und starrte in das rote Meer seines Weinglases.
„Warum tut sie mir das an?“
„Herrgott, fangen wir wieder da an, wo wir aufgehört haben?“
„Sie sah müde aus.“
„Weil du sie müde gemacht hast.“
„Sie hat mir nicht einmal in die Augen schauen können.“
„Weil sie darin eh nur Leere findet.“
„Idiot! Du hast wohl auf alles eine Antwort!“ zischte Armin.
„Du musst sie vergessen, alter Knabe. Die bekommst du nicht mehr zurück.“
„Woher willst du das wieder wissen? Wir waren DAS Paar, weißt du das eigentlich?“
„Ist aber lange her.“
„Die Leute haben uns beneidet, weil das Glück nur so aus uns heraus strahlte.“
„Muss noch länger her sein.“
„Sie gab mir so viel. Das erste Mal in meinem Leben konnte ich lieben. Nicht so lieben wie man normalerweise liebt – nein, richtig lieben. Kennst du das überhaupt?“
„Spielt keine Rolle.“
„Dann kam Ben. Ein wunderbarer Junge. Er strotzte nur vor Kraft. Hatte er von Jil.“
„Das wird stimmen. Von dir kann er das nicht geerbt haben“, lachte X.
„Und dann diese scheiß Krankheit, die alles zerstörte! Er ist gerade mal 15 geworden.“
„Sagen wir es mal lieber so: diese scheiß Krankheit hat die Wahrheit ans Licht gebracht.“
„Was denn für eine Wahrheit? Drück dich gefälligst genauer aus!“
„Okay – für den Herrn Schwerfällig kommt jetzt die präzise Erklärung. Oder warte mal! Nein, so einfach mache ich dir das nicht.“
„Dann lässt du es eben! Ist mir sowieso egal, was du sagst!“
Gleichzeitig tranken sie Wein. X fuhr fort.
„Sagtest du vorhin nicht, dass du zum ersten Mal echte Liebe bei Jil erfahren durftest?“
„Neidisch?“
„Warum hast du sie dann allein gelassen, als es Ben so beschissen ging? Und vor allem: warum hast du Ben im Stich gelassen? Begreifst du jetzt, was ich mit Wahrheit meine?“
„Ich habe niemanden im Stich gelassen.“
„Die Wahrheit ist, dass deine Liebe nur so viel Wert in sich trägt, so lange dein pubertäres Ich Sonne vorgaukeln kann.“
Ruhe.
„Wahrheit schmerzt. Und deshalb bin ich hier. Ich muss dir weh tun. Wenn du mir sagst, dass du jetzt nichts spürst, dann stehe ich auf und gehe. Denn dann kann ich für dich nichts mehr tun.“
Stille.
Schweigen stand in Armins Gesicht. Der Wein pulsierte durch seine Stirn. Nur mit Mühe konnte er in die Augen von X sehen. Immer öfter schlitterte sein Blick zu Boden, dann wieder hilflos in X seine Richtung.
„Sag's mir“, flüsterte X, doch Armin war sich seiner Einsamkeit wieder bewusst.
Immer leiser wurde die Stimme. X verblasste genauso wie dessen Weinglas. Träge schlief Armin ein. Die Kerze war fast erloschen, nur die letzten flackernden Lichtflecken betupften sein Gesicht. Summender Schlaf tat gut. Nur er verdrängte die Worte von X.

(c) Guido Lemmel 2006



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