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Nebeneinander

Gedankenstrudel

Das Fenster flackerte. Wie jeden Abend um diese Zeit. Bläulicher Schimmer drückte sich in die herbstliche Nacht. Hinter einer Eiche am Straßenrand im Berliner Altbauviertel mit den schmutzig gelben Fassaden stand Bodo mit scharfen Blick auf das Fenster im Parterre. Das Kopfsteinpflaster glänzte ölig. Nieselregen im Dunst der Stadt. Diese Nacht war für Bodo routinemäßig fade wie jede. Es ging ums Überleben und um seine Leidenschaft, die wie die Haut einer Frau seine ausgetrocknete Seele streichelte. Das Geld war knapp geworden. Nach dem Knast hatte er noch immer keinen Job gefunden. Zum Essen reichte die Kohle nicht mehr. Es war eine aussichtslose Zeit in den Massen Aussichtsloser. Hier in dieser Gegend steckte das Kapital der alten Ausgedienten unter irgendwelchen Kissen und Teppichen. Zugreifen war angesagt – jeder ist sich selbst der Nächste – Bodo grinste siegesbewusst.
Jochen hielt Ernas Hand. Es war eine rein mechanische Geste seit über 50 Jahren gemeinsamen Lebens, deren konsequente Einhaltung Nähe und Wärme aus alten Herzen sog.
Werbepause. Bunte Farben, die hinter ihren Köpfen bläulich die Fensterscheibe leckten. Eine Werbefilm jagte den anderen. Erna sah müde aus. Verlebte Augen ruhten müde auf der Mattscheibe. Jochen schien bereits zu schlafen. Er war halt noch nie ein Nachtmensch wie Erna gewesen. Doch er hatte sich immer gefügt – handhaltend.
An der Wand bummerte es. Pralle Fäuste der alten Witwe nebenan machten aufmerksam auf viel zu lautes Fernsehen. Seit Wochen schon. Erna kümmerte es nicht. Jochen hielt weiter ihre Hand. Hinter ihnen, getrennt von einer dicken Ziegelwand zur Straße, wartete Bodo. Gierig wie immer tapste sein Fuß auf und ab. Im Knast wurde er „Keyfinger“ genannt. Alte Türschlösser waren seine Spezialität. Mit ein paar Handgriffen bekam er jede Tür geöffnet. Und hinter den Türen alter Menschen lagen meistens halbe Vermögen.
Die Werbepause war zuende. Ernas Blick schien in anderen Welten zu suchen. Ihre knöcherne Nase hatte anscheinend immer noch nicht den Mief vernommen, der hier schon seit Wochen in der ungelüfteten Luft wie der Morgennebel über einem gedüngten Acker schwebte.
Die Eintönigkeit, dieser abgekühlte Lavastrom begann vor Jahren. Nur noch aufblitzende Bilder der Vergangenheit belebten die Gegenwart und zauberten manchmal scheinbar ein leises Lächeln in Ernas Gesicht. Jochen war irgendwann krank geworden. Sein Herz hatte nicht mehr die Kraft. Nichts war mehr übrig von ihm, seinen Taten, seiner Romantik, seinem liebenvollen Eroberungsgehabe mit anschließender Bestätigung seiner größten Liebe Erna, mit der er Krieg und folgende Armut stets nebeneinander wachsend bewältigt hatte. Seine Erna war von Anfang an immer seine Erna gewesen, auch wenn ihr gemeinsames Nebeneinander immer mehr zu einem unbeachteten Brauch mutierte.
Bodo fummelte in seiner Jackentasche. Alle Dietriche hatte er dabei. Gut gerüstet versackte er für einen Moment im Reich seiner Träume. Er sah sich wie immer im Casino gewinnen. Er liebte die Herausforderung seines Glücks, diesen Zwischenraum des Unvorhergesehenen, der über sein Weiterkommen still entschied. Spielen hatte Bodo verzaubert. Glück und Pech waren die einzigen Partner, die nie logen, ihn immer vor- oder zurücktrieben. Echte Lebenspartner. Wahrhaftig, ohne zu fordern.
Das Geklimper der Dietriche wurde lauter. Bodo wollte nicht mehr länger warten. Er war sich sicher, dass die Alten hinter dem bläulichen Fenster bereits schliefen. Und wenn nicht, dann wäre es ihr Problem.
Im Schein des flackernden Bildschirms schienen Jochens Lider zu zucken wie die eines Träumenden. Das Bummern an der Wand verebbte. Dafür drang Gekeife der Witwe durch ihr offenes Fenster in die nachtfeuchte Luft. Dann knallten die Holzrahmen in die Halterung. Ruhe.
Jochens ausgedrückten Kippen im runden Porzellanaschenbecher, eine leere Zigarettenschachtel und verdorrte Weinbeeren verstaubten stumm auf der Tischplatte. Runder Ring roten Bordeaux’ kristallisierte im Weinglas. Erna hatte hier lange nichts weggeräumt.
An der Tür schepperte es leise. Bodo arbeitete im Dunkeln. Das Schlüsselloch war groß. Der Dietrich wackelte bis er Widerstand fand.
Erna hörte nichts von dem Treiben an der Wohnungstür. Bodos Zunge verkrampfte sich in seine Mundwinkel bis das Knacken des sich öffnenden Schlosses seine Gier und die harte Zungenspitze besänftigte.
Ein kleiner Spalt zum Flur entließ das flackernde Licht des Fernsehers und legte sich matt in Bodos noch matteres Gesicht. Eine Handtasche am Kleiderhaken fiel in seinen suchenden Blick. Wild durchkramten seine geübten Finger ihren Inhalt. Nichts.
In der Küche stieß bitterer Gestank in seine Nase. Eine Pfanne auf dem Tisch mit griesigem Fett und zerfransten Fleischbrocken kreuzte nur kurz seinen Blick. Im Abwaschbecken lugten fettige Ringe auf dem Wasser. Bodo entschied, dass hier nichts Wertvolles zu finden sei und folgte dem bläulichen Lichtschimmer aus dem Wohnzimmer. Er grinste. Die Alten schienen nichts bemerkt zu haben. Sitzen auf ihren Hörgeräten.
Der Mief wurde unerträglich, nagte sich in seine Nasenwände, kroch hoch in seine Stirn. Die halb angelehnte Tür zum Wohnzimmer knarrte, als Bodo sie leicht wegstieß.
Direkt im Kegel seiner Sicht saßen sie nebeneinander auf einer Couch. Jochen hielt noch immer Ernas Hand. Der Fernseher war viel zu laut, bellte Getöse in die abgestandene Luft. Bodo zuckte zurück, als er das aufgedunsene Gesicht einer alten Frau mit halb geöffneten Augen erblickte. Runzelige Lidhäutchen des alten Mannes fielen tief und schlaff in darunter liegende Höhlen.
Bodo hielt die Luft an. Atmen konnte er nicht mehr. Hektisch zuckten seine Beine. Verwirrt hechtete er zur Tür nach draußen.
Der Fernseher dröhnte weiter. Jochen hielt noch immer Ernas Hand. Nebeneinander - wie immer schon.

(c) Guido Lemmel 2006



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