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Nicht umdrehen!

Gedankenstrudel

„Seit dem verdammten Unfall ist alles anders geworden. Ich glaubte, die Wirklichkeit zu kennen, aber das war ein Irrtum! Die Wirklichkeit kennt mich und sie verfolgt mich überall. Die Schritte werden von Tag zu Tag lauter und ich weiß nicht, wo das enden soll.“

Es heißt, Komapatienten sehen aus wie tot. Das mag normalerweise stimmen, doch bei Mark ist das heute anders. Die letzten Sonnenstrahlen des ausklingenden Tages leuchten auf seinem Gesicht und verleihen ihm so etwas wie eine Mimik, abwechselnd im Takt von Verzweiflung bis hin zu einem anklagenden Ausdruck.

Ein stechender Geruch liegt in der Luft. Es ist dieser Krankenhausmief, den man tagelang in der Nase hat. Peter beobachtet Mark von der Zimmertür aus. Jeden Tag ist er hier. Heimlich und unbemerkt, es muss niemand wissen. Seit zwei Monaten schon, in denen er es sich oft selbst gewünscht hat, in der misslichen Lage von Mark zu sein. Er ist doch derjenige, der Frau und Kinder hinterlässt, also warum musste ihm das passieren? Peter hat gar niemanden mehr. Gewiss – Mark hatte Schuld an dem Unfall. Schließlich hatte er die Vorfahrt missachtet und ist direkt mit seinem Motorrad in Peters Beifahrerseite gerammt und im hohen Bogen über das Auto auf den Asphalt gestürzt. Doch während Blut aus seinem Helm sickerte, gab es für Peter nur eine Frage. Warum bin ich hier?
Peter sieht auf die Geräte, die Marks Funktionen aufrecht erhalten. Ein Monitor an der Wand, ein piependes Teil neben seinem Kopf und eine Art zischende Pumpe am Bettende. Er hat keine Ahnung, was das alles ist, aber er weiß, dass er an jenem Unfalltag gar nicht an dieser Kreuzung hätte sein müssen. Peter ist nur ziellos herumgefahren, nachdem alles in seinem Leben zerbrochen war. Seine Frau hatte ihn endgültig verlassen. Nach monatelangen, belanglosen Streitereien nun der Dolchstoß mitten in sein Herz. Und dann diese unscheinbare Kreuzung, der Unfall und die eine Frage. Und diese verdammten Schritte, die ihn seit diesem Tag dauernd verfolgen. Sie sind immer hinter ihm, erst leise, weit entfernt bis sie näher kommen und lauter werden. Wenn er sich umdreht, sind sie plötzlich verschwunden, als ob sie nur Einbildung gewesen wären. Aber Peter ist sich dessen nicht mehr sicher. Er kann es sich nicht erklären und mit wem sollte er darüber reden? Alle würden ihn für wahnsinnig erklären.
Er kann nicht länger bei Mark bleiben. Die Gefahr ist zu groß, dass ihn hier jemand sehen könnte. Behutsam geht er zu seinem Bett gefolgt von den leisen Schritten, die ihn einfach nicht in Ruhe lassen. Er berührt kurz seine Hand. Wie leblos sie doch ist!
Dann verlässt er das Krankenzimmer und schließt die Tür. Am Ende des Ganges sieht er den geschlossenen Aufzug. Dort muss er hin, er will raus aus diesem Gebäude. Niemand scheint hier zu sein. Alles wirkt wie ausgestorben. Der Boden glänzt vor penibler Sauberkeit und die Stühle stehen wie vermessen an den Wänden. Er läuft los. Seine Schritte werden von den verfolgenden übertönt. Nicht umdrehen, sagt er sich, nicht umdrehen. Sie werden schon von selbst verschwinden. Er geht schneller. Eine Neonlampe in der Decke flackert. Die Schritte sind weiterhin hinter ihm. Sie scheinen so nah zu sein, als berührten sie ihn jeden Moment. So dicht waren sie noch nie. Ihm läuft ein Schauer über den Rücken, doch er blickt sich nicht um. Sein Ziel ist der Aufzug. Schneller werden und nicht umdrehen! Immer weiter gehen.
Alles ist verlassen. Keine Menschenseele zu hören oder zu sehen. Das ist seltsam. Und wo ist der Geruch hin, der vorhin noch so stechend in der Luft lag? Weiter gehen, gleich bin ich da. Nur ein paar Meter noch, die letzten eigenen Schritte verlangsamen sich. Die Schritte hinter ihm verstummen beinahe synchron. Peter presst seinen Finger auf den weiß leuchtenden Knopf in der Wand. Hinter der Tür hört er wie sich der Aufzug drei Stockwerke über ihn in Bewegung setzt. Die Schritte sind zwar verschwunden, aber Peter spürt ganz genau, das da etwas ganz nah bei ihm ist. Nicht umdrehen, Peter, nicht umdrehen. Wahrscheinlich bildest du dir das alles nur ein. Die letzte Zeit war einfach zu viel für deine Nerven. Gleich ist der Aufzug da. Ein kalter Luftzug streift plötzlich seinen Nacken. Irgend etwas ist hinter ihm, er spürt das. Es ist ein Atmen. Ganz ruhig und sanft und doch so kühl und fremdartig. Peter beißt sich auf die Lippen bis es schmerzt. Nicht umdrehen! Oder doch? Er weiß es nicht, zu groß ist die Angst vor dem, was er sehen könnte. Aber vielleicht ist das die Lösung, um diesen Horror zu beenden. Einfach um zu sehen, das da nichts ist. Langsam dreht Peter seinen Kopf zur Seite. Sein Blickwinkel erweitert sich. Der kühle Luftstrom am Nacken ist immer noch da. Sein Kopf dreht sich weiter zur Seite. Plötzlich erfassen seine Augen einen Schatten. Um Himmels Willen, wer ist da? Wer bist du? Was willst du von mir? Seine Knie beben und das Herz trommelt in seiner Brust. Ängstlich wie ein kleines Kind dreht er sich um. Er kann nicht mehr anders. Seine Pupillen werden klein wie Stecknadelköpfe. Starr und unfähig, einen Laut aus seiner Kehle zu pressen, sieht er sein eigenes Gesicht, seine eigenen Augen, die ihn regungslos anstarren und nicht mehr loslassen. Dann bricht er in sich zusammen und hört die Schritte leiser werden bis sie ganz verstummen.

(c) Guido Lemmel 2011






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