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Schwestern

Gedankenstrudel

Lissys feuchte Hand klammerte sich um den Griff des Messers. Heute würde sie ihre Zwillingsschwester Mary töten. Die Zeit war reif. Endgültig reif, diesem Biest den viel zu schönen Leib zu zerstückeln.
Doch Mary war nicht dumm. Seitdem sie mit Frank die Betten zerwühlt hatte, musste sie mit dem Hass ihrer irren Schwester rechnen.
Sie wohnten in einem Zimmer. Lissy beobachtete Mary. Es war nicht leicht, unbemerkt – fast unsichtbar – an sie heranzukommen. Mary behielt Lissy im Auge. Lissy behielt Mary im Auge. Niemand sagte etwas. Still kreisten die Katzen im hereinfallenden Mondlicht. Draußen auf dem Gang war es ruhig.
Das Messer lag noch zu unsicher in Lissys Hand. Es würde beim Zustechen sicher rutschen und sie selbst verletzen. Das Ekel Mary tat so, als würde sie durchs Fenster in die Tannen schauen, doch ein Auge klebte an ihrer Schwester. Manchmal verloren sich ihre Gestalten aus dem Blickwinkel. Dann umklammerte Lissy noch stärker den Griff, positionierte die Klinge unter ihrem Nachthemd in Marys Richtung. Ihre nackten Füße tappsten über den kalten Linoleumboden.
Bald würde sie Franks Gesicht sehen, wenn er auf den blutverschmierten, leblosen Körper von Mary blickt. Sie grinste bei der Vorstellung, wenn er dann seine auswegslose, ungebremste Geilheit, seinen geifernden Trieb endlich bei ihr selbst ausleben könnte. Bei dem Gedanken schossen kleine, lang erwartete Blitze durch ihren Schoß.
Lissy schlich noch näher an ihre Schwester heran. Beide kamen auf sich zu. Eisige Blicke froren zusammen.
Mit einem Ruck zückte Lissy das Messer, rammte es dreimal hintereinander in Marys Bauch. Warmes Blut floss über ihre Hand. Noch ein Stich. Dann klirrten unzählige Scherben. Mary rutschte und fiel mit dem Messer in der Hand auf den Boden. Unter Marys Bauch bildete sich ein roter See. Ihr Atem wurde langsamer.
Hektische Schritte auf dem Gang draußen kamen näher. Frank öffnete die Tür. Der kalte Lichtkegel traf Lissys Körper.
Dr. Miller kam hinzu. „Was ist passiert, Frank?“
„Sie ist mit dem Standspiegel umgefallen. Eine Scherbe hat sie durchbohrt.“
„Haben Sie ihr vorhin nicht die Medikamente gegeben? Die waren doch notwendig!“
Frank nickte.
„Leiten Sie alles Nötige ein, Frank! Sie wissen ja bescheid.“
„Ich weiß Bescheid, Dr.Miller!“

(c) Guido Lemmel ca. 1998



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