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Sein Ort

Gedankenstrudel

Zwei Wochen hatte Kurt sie nicht gesehen. Sorgfältig rasierte er sich die weißen Stoppeln von Kinn und Wangen, tupfte sich sein After-Shave auf die nunmehr faltige Haut, bis es zu brennen anfing. Sie liebte es, wenn er immer so gut roch.
Der Mai bot in letzter Zeit nur trübe Tage an, doch heute streckte die frühe Morgensonne ihre langen Finger durch die Wolkenritzen. Ein guter Tag, um Valerie endlich wiederzusehen. Sie tat ihm jedes Mal so gut. Ein halbes Leben kannten sie sich nun schon.
Auf dem Weg lag ein Blumengeschäft. Die Floristin suchte stets die schönste Rose für Kurt heraus. Bei jedem Treffen bekam Valerie eine.

Sie trafen sich immer im Grünen, fernab des Großstadtmiefs und dem Getümmel planloser Menschen. Kurt mochte keine planlosen Menschen mehr.
Entweder sie gingen spazieren, oder sie saßen auf ihrer Lieblingsbank und lauschten den Vögeln und dem Wind, der durch die Baumkronen blies oder sie redeten stundenlang von früher, als sie noch jung waren und voller Eifer dem Leben die Stirn geboten hatten.
Kurt sah sie schon von weitem. Sie wartete auf der Bank. Ihr Haar trug sie noch wie damals. Es hatte die Farbe von Kastanien und lag wie ein Fächer über ihre graziösen Schultern.
Valerie scheint einfach nicht älter zu werden, dachte Kurt und schmunzelte ein wenig, als sie ihn bemerkte und sich umdrehte. Ihr Gesicht strahlte und das Grün ihrer Augen funkelte zu ihm herüber.
"Schön, dass du gekommen bist, Kurt!"
Er setzte sich, überreichte ihr die Rose, küsste Valerie sanft auf die Wange und berührte die feingliedrigen Finger ihrer Hand.
"Wie geht es dir?" fragte Kurt.
"Unverändert gut, und wenn ich dich sehe noch besser!"
Er drückte sie an seine Brust.
"Erzähl, wo warst du so lange gewesen. Ich habe letzte Woche schon hier gewartet!"
"Mir ging es nicht so gut", sagte Kurt, "Mein Herz ist halt alt."
"Aber jetzt geht es dir besser?"
Kurts Augen strahlten.
"Komm, gehen wir ein Stück!" forderte sie ihn auf.
Majestätisch bot er ihr seinen Arm. Sie hakte sich unter und schaute zu ihm hinauf. Seine Brust schwoll an und durch seine Nüstern sog er die klare kühle Luft des Waldes in seine Lungen herein.
"Hast du was von Christoph gehört?" fragte er.
"Ja natürlich! Ich soll dich schön grüßen lassen. Ihm geht es sehr gut, nur leider hat er sehr viel zu tun!"
"Naja, die jungen Leute halt."
"Was machst du den langen Tag? Hast du mal wieder ein paar hübsche Fotos geschossen?"
"Nein. Ich weiß auch nicht. In letzter Zeit sehe ich mir mehr Fotos an, als welche zu schießen. Mir sind die Motive ausgegangen. Ich kenne alle Gesichter. Die meisten ermüden mich."

"Früher wusstest du nicht einmal, welchem Motiv du dich zuerst widmen solltest!"
Kurt sah zu Boden. Ein wenig schämte er sich. War es nicht immer diese Energie, die Valerie so an ihm zu schätzen wusste? Jetzt musste er gestehen, dass er nichts weiter hatte, als eine Kiste voller Schwarzweiß-Fotografien, die ihm von einem farbenfrohen Leben erzählten, sowohl auf der einen, als auch auf der anderen Seite der Kamera. Kurt liebte Gesichter in all ihren Ausdrücken und Facetten. Hunderte davon hatte er festgehalten.
"Weißt du, wenn man alt wird ..." erwiderte er kläglich.
"Schieb nicht alles auf dein Alter, mein Freund! Sieh doch mich an ..."
Valerie löste sich von seiner Seite, tänzelte ein wenig nach vorn, wo die Sonnenstrahlen einen gelben Fleck auf dem sandigen Weg bildeten, und drehte sich mit ausgestreckten Armen lebensfroh um die eigene Achse. Kurt musste lächeln und wieder einmal bemerkte er, wie gut ihm doch Valerie tat. Dann wurde sie ernst, hakte sich wieder bei ihm unter und blickte ihm still ins Gesicht.
"Wenn du keine Motive mehr findest, dann fotografiere dich selbst."
Seine Schritte wurden bedächtiger.
"Mich selbst auf Papier festhalten? Was soll ich da sehen?"
"Entweder Dich oder ein Nichts in Dir!"
"Habe Angst davor!"
"Versuche es einfach, du kannst nur gewinnen."
Kurt schluckte fest.
"Ich würde dich gerne jeden Tag sehen, Valerie! Ich möchte jede Sekunde deiner Gegenwart genießen. Meine Sehnsucht nach dir wird immer stärker."
"Du weißt, das geht nicht. Wir können uns nur hier treffen - aber sei dir sicher: ich denke immer an dich!"
Kurts fragender Blick schien endlos zu sein.
"Wir leben nun einmal in verschiedenen Welten, Kurt! Das kann nicht gut gehen!" fuhr sie fort.
"Ich könnte dich in deiner Welt besuchen! Würde mir nichts ausmachen!"
"Das ist keine gute Idee, Kurt! Vergiss es lieber wieder ganz schnell. Lass uns umdrehen. Wir wollen uns noch ein bisschen auf unsere Bank setzen, einverstanden?"
Sie drehten um. Kurts Schritte waren müder geworden. Er spürte die 75 Jahre in seinen Gliedern. Jede Bewegung schmerzte im Nachklang und ein weiterer Schmerz folgte.
Eine Dame mit weißem Kraushaar kam ihnen entgegen. Es war Frau Griesheim. Kurt hatte sie hier schon öfter gesehen. Sie lächelte und wünschte noch einen angenehmen Tag.
Valerie und Kurt kamen zu ihrer Bank. Gemeinsam plauderten sie von früher. Viele untrennbare Erlebnisse erzählten sie sich nun zum hundersten Male, doch immer wieder erlebten sie das Vergangene neu.
Kurt beobachtete ein Eichhörnchen, das vor seinen Füßen umherwuselte. Er hielt Valeries Hand. Beide schwiegen mit einem Lächeln auf ihren Gesichtern.
Die alte Frau Griesheim kam zurück und sah zur Bank. Die Tränen standen ihr nahe, denn sie kannte den Anblick, wenn Kurts Augen nicht von dieser Stelle lassen konnten . Er stand auf und stierte auf die eingemeißelten goldenen Lettern in den Granitsteinen am Kopf der beiden Gräber. Vor vier Jahren hatte er die wichtigsten Menschen in seinem Leben verloren. Valerie und sein Sohn Christoph starben mitten im Getümmel planloser Menschen.
Behutsam legte er die Rose auf Valeries Grab und begoss es mit seinen Tränen.

(c) Guido Lemmel 2004


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