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Gedankenstrudel
Gordons Schritte knisterten über den Waldboden. Nach Wochen zogen endlich schwere Wolken als Anzeichen eines lang ersehnten Regengusses auf.
Er hatte es wieder einmal geschafft, diesen lästigen Reporter abzuhängen. Hier im dichten Wald an dem unscheinbaren Teich war Gordon allein. Fort von dem ganzen Medienrummel. Nicht einmal seine Familie kannte Gordons kleines Paradies, das er als Kind schon so sehr geliebt hatte. Hier entfloh er manchmal einen ganzen Tag und träumte vor sich hin. Genau wie heute.
Die Presse hatte ihn hier noch nicht entdeckt, und nur so konnte er sich frei fühlen, wenn er Inspiration für seine Texte und Melodien suchte. Eigentlich hatte Gordon es diesem Ort zu verdanken, dass er im Laufe der Jahre so berühmt geworden war.
Sein Blick verschmolz mit der ölglatten Pfütze. Der kleine Waldteich hatte kaum noch sein Wasser. In der sengenden Hitze der letzten Wochen hatte die Sonne fast alles weggefressen.
Die umgestürzte Eiche streckte noch immer ihr stämmiges Holz halb über den Teich, die nunmehr morschen Äste ragten wie knorrige Finger über den Morast. Gordon setzte sich auf den dicken Ast, auf dem er früher schon gesessen hatte. Er brauchte noch eine passende Geräuschuntermalung für einen Textteil seines neuen Songs. Hier würde er sie finden – da war er sich sicher.
Der kohlschwarze Schlamm roch faulig, ein paar Frösche lagen rücklings regungslos halb versunken im Schlick. In 30 Jahren hatte Gordon seinen Teich noch nie so wasserarm gesehen. Es fröstelte ihm, wenn dieser Ort bald nur noch eine staubige, laubbedeckte Vertiefung darstellen sollte. Die Schilfblätter am Rande des Teichufers hingen schlaff herab. Alles wirkte leblos. Blöder heißer Sommer!
Gordon sah durch die Baumkronen in den Himmel. Die Wolken waren dunkler geworden, ein fernes Dröhnen schien näher zu kommen.
Gordon fühlte sich nicht wohl, über diesem modrigen Loch zu sitzen. Doch bevor er sich von dem dicken Ast der Eiche erheben konnte, hörte er ein ziehendes Knarren und attackenartiges Knacken, so wie nur berstendes, morsches Holz knacken konnte. Gordon reagierte zu langsam. Der Ast senkte sich mit ihm in Richtung des Schlamms. Gordons Finger krallten sich in die Rinde. Zwecklos. Sein linkes Bein verhakte sich. Kopfüber wie eine Fledermaus hing er über dem Morast. Er versuchte sich abzustützen, doch seine Hände versanken in der bodenlosen, weichen Masse. Der schwere Ast drückte von oben. Sein Herz bummerte. Er schrie laut um Hilfe. Der dichte Wald verschluckte seine Rufe.Hier hörte ihn keiner. Der Ort war menschenleer. Gordons Kräfte ließen nach. Sein Bein fing zu schmerzen an. Er sah schon die Schlagzeilen vor seinen Augen, wenn alle Zeitungen schrieben, dass man den berühmten Schlagersänger Gordon B. qualvoll erstickt in einem Schlammloch gefunden hätte. Falls sie ihn überhaupt finden würden. Sein Kopf hing nur noch wenige Zentimeter über der Schlammdecke. Plötzlich ein Geräusch. Es hörte sich wie ein Blubbern an.
„Ist da jemand!“ schrie Gordon. Keine Antwort. Das Blubbern verwandelte sich in ein Rauschen. Es war hinter ihm. Gordon konnte sich nicht drehen. Dann spürte er etwas Kaltes an seinem Rücken oberhalb des Hosenbundes. Er fühlte eine eisige Hand. Sie packte ihn kräftig und zog den erschöpften Gordon in die Höhe. Erleichterung umspülte seine Todesangst. Er konnte seinen eingeklemmten Fuß aus dem Gewirr der Äste herausziehen. Die Hand stützte ihn dabei. Endlich war er befreit.
Gordon robbte ans Ufer. Seine suchenden Blicke nach seinem Retter stießen ins Leere.
„Hey!“ schrie er. „Wo sind Sie?“ Stille.
Nur der bereits stärker aufgekommene Wind blies über das trockene Laub. Da war es wieder. Ganz dicht. Dieses Blubbern. Gordon drehte sich um und starrte seinem Retter ins Gesicht. Gordons Blick schien wie eingefroren zu sein. Sein Kinn sackte hinab. Sein Retter war eine Frau. Eine sehr schöne sogar. Sie lächelte gütig und ihre Korona blubberte, denn sie bestand vollständig aus Wasser.
Gordon fing an zu kichern. Immer schneller und lauter.
„Ihr habt mich also gefunden!“ rief er in den Wald.
„Schon gut, zeigt euch. Ihr habt gewonnen. Ist ’n toller Trick mit der Wasserfrau!“
Er lachte noch immer. Niemand ließ sich blicken. Kein Reporter, kein Fernsehteam – niemand.
„Ich bin wirklich“, sagte eine helle Stimme. Gordon sah auf die Frau aus Wasser. Sie hatte tatsächlich gesprochen.
„Wie ist das möglich? Was passiert hier?“ Gordon wurde blass.
„Du brauchst keine Angst zu haben.“
„Was ist das für ein Trick?“
„Ich sagte doch: ich bin wirklich.“
„Aber ...“
„Wir kennen uns doch schon lange.“
„Aber ...wer bist du?“
„Ich habe keinen Namen.“
„Du musst doch irgendwo herkommen!“
Die Wasserfrau wuchs in die Höhe, während die Pfütze unter ihr immer kleiner wurde. Gordon konnte durch ihren Körper hindurchsehen. Ihr Gesicht wirkte freundlich. Sie lächelte und sagte: „Ich bestehe aus dem Wasser dieses Teichs, aber du siehst – es ist nicht mehr viel vorhanden.“
„Wie kannst du leben? So etwas kann es nicht geben.“
Gordon konnte noch immer nicht glauben, was er sah.
„Ich lebe hier schon immer, aber ...“. Ihr Gesicht wurde traurig. „Es scheint so, als müsste ich nun sterben.“
„Hast du mich vorhin gerettet?“ Sie nickte. Gordon saß nur einen Meter von ihr entfernt am Uferrand.
„Ich habe dich schon oft beobachtet“, sagte sie.
„Hab’ ich nie bemerkt.“
„Ich sah dich immer, wenn du geträumt hast.“
„Danke, dass du mir das Leben gerettet hast!“
Die Frau wurde nun kleiner. Nur noch ihr Rumpf ragte aus dem Schlamm.
„Was passiert mit dir? Geh noch nicht!“
„Es geht zu Ende. Ich kann’s nicht ändern.“
Die Frau versank vollständig. Mit ihr die letzte kleine Pfütze. Gordon rannte hin und her. Er versuchte, mit seinen Händen ein Loch zu schaufeln. Er musste auf Wasser stoßen. Nur das konnte sie retten. „Regnet doch endlich!“ befahl er den schwarzen Wolken. Eine zähe Trauer packte ihn. Dieser Ort durfte nicht sterben. Auf der Schlammoberfläche zerplatzten die letzten kleinen Bläschen. Gordon kroch zurück auf den Ast und fing plötzlich an zu weinen. Tränen schossen ihm wie noch nie aus den Augen. Sie strömten über seine Wangen in den Schlamm. Er wimmerte wie ein Kind, spürte den Verlust dieses Ortes und die Leere in seinem Herzen. Dann hielt er kurz die Luft an, denn er glaubte, wieder das Blubbern gehört zu haben. Ein kleiner Haaransatz wuchs aus dem Schlamm empor, dann der Kopf der schönen Wasserfrau. Wenig später stand sie erneut satt und sprudelnd direkt vor Gordon.
„Ich danke dir.Du hast mir noch ein wenig Leben geschenkt“, sagte sie.
„Was kann ich für dich tun?“
„Du hast schon alles getan. Deine Tränen geben mir die Kraft bis zum großen Regen. Deine Tränen sind besonderes Wasser.“
Ein kalter, dicker Tropfen klatschte auf Gordons Nase. Regen. Endlich! Die Wolken öffneten ihre Schleusen. Es klang wie Musik. Die Tropfen zerplatzten auf dem Schlamm. Kleine Pfützen bildeten sich in ihm und zerflossen dann zu einer großen. Die Frau strahlte vor Freude im prasselnden Regen. Gordon tanzte am Ufer, sang sein neues Lied. Dann setzte er sich ans Ufer. Die Wasserfrau kam näher und drückte ihre Lippen auf seine Wange, deren Berührung eine leichte Wärme hinterließ. Kurz darauf versank sie lächelnd im Wasser. Noch lange saß Gordon am Ufer seines kleinen Teiches, den er schon als kleiner Junge geliebt hatte und immer lieben wird.
Er würde nie das Prasseln des Regens vergessen, diese bezaubernde Musik alles Ursprünglichen, dessen Klang Gordon für seinen neuen Song ab jetzt gefunden hatte.
(c) Guido Lemmel ca. 1998