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Veränderungen

Gedankenstrudel

Der 17. Oktober.

Lange hatte Francesca auf diesen Tag gewartet. Draußen in der feuchten Abendluft hing wieder eine graue Nebeldecke wie vor fünf Jahren. Zu gut konnte sie sich daran erinnern. Nachdem sie Harald aufgefunden hatte, stand sie wie gelähmt vor dem Fenster und ihr Blick versank im Nebel. Stundenlang, bis sich der graue Vorhang aufgelöst hatte. Jetzt – fünf Jahre später - saß sie auf der Kante des Ehebettes. Ihre dünnen Finger spielten unsicher mit dem schlichten, weißen Umschlag. Was er mir wohl zu sagen hat, fragte sie sich. Sie griff sich die Nagelpfeile auf dem Nachttisch und stieß dabei mit dem Handrücken an das Bild ihres Mannes. Ein lebendiges Bild. Haralds Charakterkopf im Schein der untergehenden Sonne damals in Spanien. Sein schönstes Lächeln, dachte sie und schmunzelte kurz. Blitzende Zähne zwischen vollen Lippen und das winzige Grübchen im Kinn. Zwei Monate später war Harald tot.
Unerwartet gleichmäßig, fast apathisch schlug ihr Herz heute. Immer wieder hatte sie in den letzten fünf Jahren die Worte auf dem Briefumschlag gelesen. Silbe für Silbe, Wort für Wort. Haralds verschnörkelte Handschrift in blauer Tinte. Er schien sehr ruhig gewesen zu sein, als er den Stift führte.
„Bitte erst in fünf Jahren öffnen“
Niemand wusste von dem Brief. Sie hatte ihn in dem kleinen Karton mit Haralds anderen Briefen aufbewahrt. Liebesbriefe aus vergangenen Zeiten, kleine Klebezettel mit Herzen darauf – was Verliebte halt so machen. Sie bewahrte alles auf. Eine Handbreit vollgeschriebenes Papier und darauf der letzte Brief von ihm mit dieser allerletzten Bitte auf dem Umschlag. Ein grotesker Anblick. Bis jetzt hatte sie es ausgehalten, den Umschlag nicht einfach vorher aufzureißen und den Brief zu lesen. In verweinten Nächten stand sie oft schon kurz davor. Aber dann kam es ihr so vor, als würde sie ein Versprechen brechen, das sie Harald stillschweigend gegeben hatte. Zwei Menschen hatte sie so schnell verloren. Ihre Schwester Marlies und dann auch noch Harald. Francesca hatte nicht mehr das Strahlen einer Mittvierzigerin in den Augen. Viel zu jung fühlte sie sich für ihr Schicksal. Bleiches Gesicht. Schlaffer Hals. Und viel zu dünn war sie geworden.
Die Nagelpfeile bohrte sich in die kleine Lücke an der oberen Ecke des Umschlags. Das Papier riss auf. Behutsam griff sie mehrere akkurat zusammen gefaltete Seiten und zog sie heraus. So war Harald immer gewesen – selbst in seiner letzten Tat legte er Wert auf Sorgfalt.
In ihren Händen hielt sie vollgeschriebenes Papier. Francesca versank in den Verzierungen der Schrift. Ein Hauch von Haralds letzten Minuten steckte darin. Eine kleine Wiedergeburt. Die Buchstaben tanzten wie winzige Strichmännchen vor ihren Augen – es schien ihr unmöglich, ein paar Worte zu lesen. So stark flimmerten die Worte. Dann stand sie auf und ging zum Fenster und sah den Nebel, der noch dichter geworden war. Wie ein Teppich schwebte er im herbstlichen Abend. So fest, als könnte man über ihn laufen. Das Flimmern vor ihren Augen ließ nach. Still war es. Eine unruhige und kalte Stille.
Francesca blieb am Fenster stehen. Das Licht der Nachttischlampe genügte, um den Brief hier ganz dicht an der Scheibe und dem Nebel dahinter zu lesen.

Meine Liebste!
So habe ich Dich früher immer genannt – weißt Du noch? Lange her, gewiss! In letzter Zeit konnte ich nichts Liebevolles mehr zu Dir sagen, es ging einfach nicht. Und das, obwohl meine Gefühle zu Dir noch stärker geworden sind. Klingt verrückt! Genauso verrückt wie ich es geworden bin.
Wie fühlst Du Dich jetzt? Ich kann es ahnen, kenne Dich besser als Du glaubst. Bitte weine nicht, wenn Du meine letzten Zeilen liest. Ich nehme stark an, dass Du Dich an meine Bitte gehalten hast. Es sind jetzt fünf Jahre vergangen. Bitte bewahre Dir immer unsere guten Erinnerungen in Deinem Herzen auf. Ich sage das, weil ich befürchte, dass Du mich am Ende des Briefes hassen wirst. Ich möchte Dir erklären, warum ich heute diesen Schritt gehen muss. Diese Entscheidung fällt mir nicht einmal schwer – im Gegenteil – ich freue mich darauf. Mein Leid ist zu groß geworden, dass ich glaube, für Dich ist ein Leben ohne mich besser als mit mir – einem vor Selbstgram zerfressenen, viel zu alt gewordenen Mann, der nicht einmal mehr Liebe geben kann, obwohl er das so sehr möchte.
Vielleicht ist auch ein neuer Mann in Dein Leben getreten? Ich wünsche es Dir, denn Dein Glück ist mir heilig.
Meine Liebste! Ich ertrage mein Leben nicht mehr. Habe mich selbst überschätzt. Bin doch nicht so stark, wie ich immer glaubte. Ich trage eine Schuld in mir, die mein Gewissen nicht verarbeiten kann. Habe es mit Verdrängen versucht, aber es klappt nicht.
Weißt Du wie es mich zerstört hat, Dich nach dem Tod Deiner Schwester leiden zu sehen? Dein Leid war mein Untergang. Mein Körper lebt zwar, meine Seele aber ist längst versunken. Ein Sandkorn am Grunde meines Lebens.
Wo fange ich an? Wie kann ich Dir etwas erklären, was ich selbst kaum noch verstehe?
Wenn ich die Augen schließe, sehe ich uns! Jahre ist es her. Wir waren immer so fest. Unverrückbare Herzen hatten wir. Vertrauen, das grenzenlos war. All das habe ich zerstört, was ich zu retten geglaubt hatte. Unsere Liebe hatte solch eine einzigartige Substanz. Nichts konnte sie zerstören. Doch ich habe sie zerstört. Ganz langsam und im zermalmenden Takt.
Erinnerst Du Dich noch an die Zeit, als Du mich auf meine Veränderung angesprochen hast? 1999 war es. Das Jahr hat sich in meinen Kopf gebrannt. Acht Jahre waren wir damals schon verheiratet. Ich erzählte Dir etwas von Stress auf der Arbeit und dass das vorbei ginge.
Ich hatte mich damals tatsächlich verändert. Aber Du auch – weißt Du das? Ich hatte Dich nie darauf angesprochen. Warum nicht? Ich weiß es nicht genau, vielleicht war es die Angst, unsere unverrückbaren Herzen könnten ihren Halt verlieren. Du hast mich einfach zuerst auf meine Veränderung angesprochen, mich gefragt, ob mich irgendwas bedrücke. So simpel. Doch ich schwieg. Was hätte ich Dir antworten sollen? Ja ich habe mich verändert, weil auch Du Dich verändert hast? Das wäre für mich die naivste Antwort gewesen, aber genau diese hätte ich Dir geben sollen, statt zu schweigen. Das sehe ich jetzt so.
Du warst mir so fremd geworden. Deine Blicke trafen mich aus seltsamen Augen, die Deinem Gesicht einen obskuren Ausdruck verliehen.
Ja, selbst Deine ganze Gestik hatte sich verändert. Dein Lachen kam nur noch aus Deinem Mund. Deine Augen blickten weiterhin kühl. Ich weiß bis heute nicht, was geschehen war. Glaube mir, wenn man sich jahrelang an eine Wärme gewöhnt hat, dann zerfrisst Kälte einem das Herz. Ich hatte niemanden zum Reden, mein Kopf glich einer Abstellkammer für Ungesagtes. Ich suchte Zuflucht, musste den Fleischwolf meiner Gedanken loswerden.
Dann kam sie. Ausgerechnet Deine Schwester! Marlies hatte mich einmal gefragt, was mit mir sei, und schon sprudelte es aus mir heraus. Sie hörte mir zu, gab mir einen Hauch Wärme zurück, die ich von Dir längst nicht mehr zu erwarten hatte. Wir redeten stundenlang. Ich erzählte Dir etwas von Überstunden im Betrieb. Das gab mir Zeit mit Marlies. Sie war damals seit drei Jahren Witwe. Und ihre Trauer war noch genauso stark wie am ersten Tag. Sie zeigte es halt nicht. Wenn ich jetzt an die vergangene Zeit mit ihr denke, dann kommt mir alles so bizarr vor. Beide fühlten wir uns leer und verlassen, und doch konnten wir unsere Leere für ein paar Stunden ausfüllen. Es schien uns wie eine Sucht. Die Droge waren wir. Und wenn wir uns im Rausch befanden, dann berührte sie mich sehr oft. Anfangs zögerlich, zurückhaltend und forschend, dann fordernd und sich öffnend. Ich wurde schwach und es geschah halt das, was ich eigentlich nicht wollte. Es war nie Liebe im Spiel – das versichere ich Dir! Es war nur diese Sucht.
Ich muss jetzt den Stift eine Weile beiseite legen. Verzeih mir - die Erinnerungen haben mich aufgewühlt. Es ist so, als hätte ich Dir persönlich mein Geständnis ins Gesicht gesprochen. Ich sehe Dich vor mir ...und Du weinst.“

Francesca wandte ihren Blick wieder dem Nebel zu und fühlte, wie Abscheu, Ekel und Hass in ihr hoch krochen. Sie erinnerte sich, wie sie damals die Schlafzimmertür geöffnet hatte und Harald regungslos im Bett liegen sah. Das halb geleerte Glas Wasser und die fast verbrauchte Packung Schlaftabletten. Vorher hatte sie sich den Lippenstift abgewischt und die Haare zusammen gesteckt. Sie musste so aussehen, wie man nach einem anstrengenden Firmenausflug auszusehen hat.

„Nun kennst Du die Wahrheit. Eine Wahrheit, die nicht der Grund für meine heutige Entscheidung ist. Es gibt da noch eine weitere Sache...
Marlies war für Dich immer die große Schwester gewesen. Das sagtest Du mir einmal. Nicht nur, weil sie zehn Jahre älter war, sie trug immer schon eine besondere Größe in sich, die nicht erdrückte, sondern einen Menschen empor heben konnte. Auch ich habe das gespürt. Selbst als sie um ihren Mann trauerte, schien sie nie den Mut verlieren zu wollen. Und doch war sie zerbrochen. Sie war ein guter Mensch! Bis zu dem Tag, als sie diese scheußliche Krankheit bekam. Wie kann eine Fehlfunktion im Kopf einen Menschen nur so verwandeln? Sie war zu einem Monster mutiert. Ein anderes Wesen hockte in ihr.
Es war für uns nur allzu selbstverständlich, sie bei uns zu Hause zu pflegen. Ihr Gedächtnis ließ immer mehr nach, sie erinnerte sich nur noch schemenhaft an ihr Leben.
Doch an eines konnte sie sich immer erinnern – an mich und an unsere gemeinsamen Stunden. Immer wieder erzählte sie mir davon. Sie behauptete, dass sie mich liebe und ohne mich nicht leben könne. Anfangs dachte ich mir nicht viel dabei, doch es uferte aus. Immer wenn Du nicht daheim warst, begann für mich die Hölle. Ich glaubte sie kraftlos, schon beinahe tot im Bett liegen zu sehen. Plötzlich riss sie ihre Augen auf und schrie mich an. Sie beschimpfte mich als gewöhnlichen Dreckskerl, der nur das Eine will und sich um die Gefühle anderer nicht kümmert. Ich beruhigte mich selbst, indem ich es auf ihren geistigen Verfall schob. Es wurde schlimmer. Und unerträglicher. Sie fing an, mir größere Mühe zu bereiten. Essen, das ich ihr auf dem Tablett brachte, stieß sie um und ich musste alles säubern. Ihr Grinsen dabei sehe ich heute noch. Sie schikanierte mich. Einmal fragte ich sie, ob sie noch immer genau wüsste, was für eine gemeinsame Zeit wir einmal hatten. Ihr Lachen endete im höhnischen Gezeter. All das ertrug ich – zwar schwer, dennoch schaffte ich es irgendwie. Ich versuchte, mir die Marlies vor der Krankheit vorzustellen und es funktionierte manchmal. Aber glaube mir – irgendwann siehst Du einen Menschen nur noch einseitig. Trotz ihrer offensichtlichen Verwirrung, entdeckte ich System in ihrem Verhalten. Sobald Du das Zimmer betreten hast, spielte sie die gebrechliche Kranke. Ihr runder Blick sorgte für das nötige Mitleid. Weißt Du noch, wie oft Dir die Tränen in den Augen standen? Wenn ich mir ihr alleine war, dann ging die Folter weiter. Mit den Beschimpfungen konnte ich halbwegs leben. Aber jetzt kam eine Wende. Eine ganz perfide Qualität. Sie fing an, mich zu erpressen. Marlies drohte mir, Dir alles zu sagen von unserer vergangenen Zeit. Detailliert wollte sie Dir alles offenbaren. Befreien wollte sie Dich von mir. Jeden Tag aufs Neue schwor sie mir, es Dir zu erzählen. Ich lebte in solch einer Angst, wenn Du mit ihr zusammen warst. Manchmal glaubte ich, Du wüsstest es längst und würdest es verschweigen. Nächtelang konnte ich nicht schlafen. Ich dachte daran, es Dir selbst zu sagen. Doch immer wieder fehlte mir der Mut. Es wäre die einzige Waffe gegen Marlies gewesen. Es war mir eine Qual, ihr das tägliche Insulin in den Schenkel zu spritzen. Es widerte mich an, sie zu waschen, sie zu kämmen. Sie schrie mich an, wenn ich es scheinbar nicht gut genug machte.
Es kam der Tag, als ich ihr nicht mehr helfen wollte und konnte. Einem Menschen helfen, der mir das Leben zur Hölle macht? Nein, so konnte es nicht weitergehen.
Francesca, ich war völlig zerstört, glaubte sogar, mein Verstand entgleist mir. An manchen Tagen fühlte ich mich wie entgeistert, meine Bewegungen geschahen nur noch instinktiv. Und wieder konnte ich mit niemanden reden. Das, was Marlies mir damals geschenkt hatte, hatte sie mir wieder gestohlen. Und vor Dir habe ich gespielt – so gut es eben ging.
Meine Nerven waren irgendwann völlig ruiniert. Nichts ging mehr. Auf der Arbeit konnte ich mich nur noch schwer konzentrieren. Der Chef drohte mir einmal mit einer Abmahnung.
In den Nächten, wenn Du neben mir schliefst, baute ich mir einen Plan zusammen. Mein einziger Gedanke war der, Marlies aus meinem Leben zu streichen. Doch das konnte nur funktionieren, wenn sie für immer verschwand. Ich musste es riskieren. An dem Tag, als Du sehr lange unterwegs warst, habe ich meinen Plan umgesetzt. Marlies machte es mir leicht. Wieder drohte sie mir, Dir alles zu sagen, und das mit Gewissheit. Und wieder schrie sie mich an. Ich spritzte ihr das Insulin. Die doppelte Menge, so wie ich es einmal in einem Krimi gelesen hatte. Es bereitete mir echtes Vergnügen. Dabei schloss ich die Augen und sah endlich wieder Licht in meinem abgestorbenen Geist.
Ja, meine Liebste, ich habe getötet. Sie getötet. Und ich will nicht leugnen, dass es mir Spaß gemacht hat. Auch in mir steckt ein Monster. Aber eines, das mir neues Leben geschenkt hat! So glaubte ich.
Ich dachte überhaupt nicht daran, dass mir jemand auf die Schliche kommen könnte. Erst später war ich über mein Glück erstaunt, dass meine Tat unentdeckt blieb. Und ich hatte auch nicht daran gedacht, was ich Dir damit angetan habe. So sehr habe ich mich getäuscht.
Ich hatte jetzt ein weiteres Geheimnis und sah Dich leiden. Dein Weinen schien endlos zu sein. So sehr hat Dir Marlies etwas bedeutet. Das war mir nie so bewusst gewesen. Und ich habe sie Dir genommen. Mit jeder Träne, die von Deinen Wangen zu Boden tropfte, stieg der Schmerz in mir. Das alles stand nicht in meinem Plan, zu sehr war dieser mit der Beseitigung von Marlies beschäftigt.
Von nun an sah ich Dich immer seltener. Du sagtest, Du bräuchtest eine Luftveränderung. Du hattest mir nie gesagt, wo Du hingehst. Gefragt habe ich Dich nicht, wollte Dich nicht einengen. Jeder muss seine Trauer auf seine eigene Art bewältigen.
Die Stunden wurden einsam. Oft saß ich in der Finsternis und beobachtete die Lichter in den anderen Fenstern. Dort sah es lebendig aus, so wie bei uns vor Jahren. Marlies war nun weg, aber ihr verzerrtes Lachen geisterte noch immer durch meinen Kopf. Immer wieder dieses „Ich sag es ihr! Ich sag es ihr. Heute wird sie es erfahren. HA! Heute zerstör ich Dein Leben – HE HE!“
Ich höre sie sogar jetzt in diesem Moment. Vielleicht bin ich wahnsinnig geworden?
Ich sehe die Packung Schlaftabletten. Du sagtest, Du würdest spät nach Hause kommen. Genug Zeit für mich. Ein Glas Wasser brauche ich noch. Nun werde ich Dich verlassen. Für immer auf Erdenzeit. Aber ich weiß, dass wir uns irgendwann wiedersehen werden. Denk immer daran. Ich werde auf Dich warten und Dich bei der Hand nehmen, wenn Dein Moment gekommen ist. Vielleicht wird Marlies mir verzeihen. Es tut mir leid, was ich Dir angetan habe. Hasse mich ruhig, aber bitte - vergiss mich nicht! Vergiss uns nicht.
In Liebe! Dein Harald“

Der Nebel war noch dichter geworden. Francesca faltete den Brief zusammen und steckte ihn zurück in den Umschlag. Ihr Mund schien zu einer Linie gefroren zu sein. Unruhig schwirrte ihr Blick durch den Raum. Wieder spürte sie den Ekel und die Abscheu. Was habe ich nur getan? Diese Frage drehte sich in ihrem Kopf. Sie knipste das Licht aus. Einige Lichtkegel von den anderen Fenstern verloren sich diffus im Nebel. Die Luft war stickig. Der Holzflügel des Fensters knarrte beim Öffnen. Die Nebeldecke schien zum Greifen nah. Einströmende kühle Luft streifte über ihre Haut. Irgendwo draußen schallte sanfte Musik aus einem Zimmer in die undurchsichtige Nacht.
Es war im Jahre '99, als Harald ihre Veränderung bemerkt hatte. Er sprach sie nie darauf an. Sie hätte wahrscheinlich sowieso gelogen. Anfangs war es ein Abenteuer, eine Bestätigung ihrer Weiblichkeit, die sie von Harald nur noch selten bekommen hatte. Später spürte sie etwas für diesen neuen Mann in ihrem Leben. Immer öfter war sie unterwegs, traf sich heimlich mit ihm. Auch er war verheiratet und beide konnten sie sich nicht von ihrem strukturierten Leben lösen. Wie verlogen sind die Menschen eigentlich, fragte Francesca sich. Wie verlogen bin ich?
Sie führte von nun an ein zweites Leben neben Harald. Und kehrte immer wieder in ihr erstes zurück, das so trübselig auf einer Stelle schwebte wie der graue Nebel vor dem Fenster. Auch in jener Nacht, als sie Harald tot aufgefunden hatte, war sie zurückgekehrt.
Ihr Ekel vor sich selbst zog durch ihren Magen.
„Nicht du hast getötet“, flüsterte sie, als sie ein Bein auf die Fensterbank setzte und sich am feuchten Rahmen festkrallte. „Ich habe getötet. Uns alle.“
Der Nebel verschluckte den stumpfen Aufprall auf dem Hinterhof.

(c) Guido Lemmel 2007


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