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Gedankenstrudel
„Hoffnung ist die zweite Seele der Unglücklichen“, Goethe, Maximen und Reflexionen
Selbst gewöhnliche Geräusche können weh tun, wenn Paulas Stimme dazu fehlt. Die ständigen Fragen über Dinge, die einem so selbstverständlich geworden sind und das aufgeregte Geplapper über die hässlichen Klamotten ihrer Freundin aus der Schule. Man lästert nicht über andere, sagte dann Elke meistens und ich stimmte ihr nickend, mit ernstem Blick auf Paula zu, bevor ich mich meinem Schiffsmodell wieder widmen konnte und kurz darauf durch Paulas Neugier erneut unterbrochen wurde. Oder die ständigen kosmetischen Stunden im Bad vor dem Spiegel, wenn Elke ihr das Haar kämmen sollte und ich tausend Mal bestätigen musste, wie gelungen und hübsch ihre Frisur doch aussah, während sie sich vor dem Fernseher stellte und die Bundesliga versperrte.
All das gibt es seit einem Jahr nicht mehr. Es ist als liefe man nur noch mit einem Bein oder als sähe man nur noch mit einem Auge. Farben scheinen verblasst zu sein. Das Leben läuft seit damals auf halber Kraft. Der einzige Sinn besteht nur noch darin, sich an Erinnerungen zu klammern und sich immer wieder vorzustellen, wie es wäre, wenn sie gleich aus ihrem Zimmer käme und alles wieder wie immer sein könnte. Aber so ist es nicht.
Vor drei Tagen hatte sie ihren zehnten Geburtstag. Elke und ich haben abends nur auf der Couch gesessen und stumm auf die Kerze gestarrt. Elke weint viel. Sie kann all ihren Kummer raus lassen. Ich schaffe es nur, wenn ich alleine bin. Paulas Zimmer betreten wir nur selten. Alles steht unberührt am selben Fleck, als wäre die Zeit stehen geblieben. Ihr Zimmer ist ein heiliger Ort geworden. Wir wollen ihn nicht durch zu häufiges Betreten verfälschen.
Ein ganzes Jahr ist es nun her. Ich sehe noch wie Paula sich von uns verabschiedet hat. Sie wollte nur kurz zu ihrer Freundin eine Straße weiter. Der Tag war hell und freundlich und wann ist in unserem Kaff schon mal was passiert? Dann das ziehende Stechen in der Magengegend, nachdem die Freundin bei uns angerufen hatte und fragte wo denn nun Paula bliebe. Ich beruhigte Elke. Sie war so aufgewühlt, dass sie nicht wusste, was sie zuerst unternehmen sollte. Ich lief den Weg ab, den Paula gegangen sein musste. Rauf und runter. Elke rief alle Personen an, die wir kannten. Nichts. Niemand hatte nur das Geringste von Paula gehört oder gesehen. Sie war verschwunden, wie vom Erdboden verschluckt.
Der nächste Schritt war die Polizei. Kommissar Schäfer war ein routinierter Beamter, der solche Fälle schon oft bearbeitet hatte. Er versuchte uns zu beruhigen und sagte uns, dass die meisten vermissten Personen wieder auftauchen. Es wurden großflächige Suchtrupps gebildet und nächtliche Wärmebildkameras eingesetzt – alles ohne Erfolg. Bis heute.
Die Nächte sind grauenvoll. Ohne Tabletten geht es nicht mehr. Die Dunkelheit ist schwer zu ertragen. Im Kopf bilden sich die schrecklichsten Bilder, dass an Einschlafen nicht zu denken ist...
Es schellt an der Tür. Elke schleicht ins Zimmer, erhascht Rolands matten Blick und deutet auf die Uhr.
„Es ist fast zehn. Um diese Zeit?“
„Ich mache auf“, sagt Roland.
Im schmutzigen Licht des Hausflures steht Kommissar Schäfer. Sein Gesicht wirkt wie immer müde und seine Bartstoppeln erzählen von einem langen Tag. Roland sieht ihn stumm an. Elke kommt dazu.
„Ihre Jacke ist ja ganz nass. Kommen Sie rein.“
Schäfer nickt.
„Kaffee?“ fragt Elke.
„Danke, nein. Können wir uns irgendwo setzen?“
Roland geht voran in die Küche. Die Stuhlbeine knarren auf den Fliesen, als er Schäfer den Platz anbietet.
„Was ist los? Haben Sie etwas von Paula gehört?“
Roland legt seine warme Hand auf Elkes verkrampfte.
„Sie sagten, Paula trug an jenem Tag ein rote Jacke und eine hellblaue Cordhose, richtig?“
„Ja, aber das haben wir Ihnen doch schon tausend Mal gesagt.“
„Ich will mich nur noch einmal vergewissern.“
Schäfer atmet schwer und lehnt sich zurück. Ungeduldige Blicke pochen auf seinen Lippen. Elke lehnt sich an Rolands Schulter. Die Zeit tropft sämig. In diesem Moment füllen sich Rolands Augen mit Tränen. Er schließt sie und sieht seine Paula. Sie lacht ihn wieder an. Ihr blondes Haar weht in jede Richtung. Ihre Augen strahlen so unbekümmert glücklich, als würden sie sagen: „Hey Daddy, es ist alles okay! Macht Euch keine Sorgen!“
„Heute wurde ein Mädchenleiche gefunden. Etwa 100km von hier in einem Waldstück nahe einer Raststätte. Ein Tourist fand sie, als er seinen Hund ausführte.“
„Aber es ist nicht Paula?“, flüstert Elke.
„Das wissen wir jetzt noch nicht. Das Mädchen passt zu keinem weiteren vermissten Kind.“
„Es ist nicht Paula, oder? Roland! Sag mir, dass es nicht Paula ist!“
Elke springt auf und rennt ins Bad. Ihr Schluchzen legt sich wie ein Teppich in die Wohnung.
Roland sieht Schäfer direkt ins Gesicht.
„Bitte seien Sie ehrlich. Kann es ein Irrtum sein?“
„Wissen Sie, das Mädchen lag vermutlich zwei Tage dort im Wald. Sie sieht jetzt – wie soll ich sagen – sie sieht anders aus, aber Ihre Beschreibungen sind so stimmig. Die Kleidung und die Haare – es passt zusammen, so leid es mir tut.“
Elke setzt sich wieder zu Roland. Ihre Augen schwimmen in den Fluten ihrer Tränen.
„Musste sie leiden?“ fragt sie.
„Das lässt sich alles noch nicht sagen. Äußerlich hat sie keine schweren Verletzungen.“
„Kann ich sie sehen?“
Die Neonlampe über dem Herd surrt
„Roland, willst du das wirklich?“
„Es würde uns helfen“, unterbricht Schäfer.
Einmal hatte Rolands Bruder gesagt, dass diese zerfressende Ungewissheit das Schlimmste sein muss. Wenn man nicht weiß, was in jeder Sekunde mit Paula geschieht. Lebt sie noch, erleidet sie Höllenqualen oder ist sie gar nicht mehr am Leben? Roland konnte ihm nicht widersprechen.
Roland sitzt neben Schäfer im Wagen auf dem Weg zur Gerichtsmedizin. Elke schafft es nicht, diesen Weg zu gehen. Sie ist zusammengebrochen. Ihr Hausarzt kümmert sich um sie. Es nieselt. Schäfer ist still, Rolands Kopf ist leer. Der Motor brummt.
Das Gelände liegt abgelegen. Viel Grün ringsum. Ein paar Leichenwagen stehen in der Einfahrt. Schäfer geht vor. Eine Treppe führt nach unten. Es riecht scharf, manchmal wie Nagellackentferner. Steril blitzen die weißen Kacheln an den Wänden. Bahren aus Metall stehen an der Seite. Weiße Laken säumen ihre Liegeflächen. Ein hagerer älterer Mann mit Kittel kommt ihnen entgegen. Er hält ein Heft in der Hand und nickt Schäfer zu.
Die Tür zum rechten Raum hat ein kleines Fenster in ihrer oberen Mitte. Schäfer stößt sie auf. Seine Schritte werden langsamer. Tische mit Sektionsinstrumenten stehen herum. Fein säuberlich sortiert. Große Lampen hängen an der Decke. Der Raum ähnelt einem OP. An einer Wand steht die Bahre. Von oben hell erleuchtet. Unter dem weißen Laken zeichnet sich der Körper ab. Die kleine spitze Nase, das zerbrechliche Kinn und die schmalen Schultern sind nur noch von sterilem Stoff bedeckt. Roland starrt auf den verhüllten Körper. Schäfer sieht Roland prüfend an.
„Ich werde gleich das Laken ein Stück umschlagen. Bitte sagen Sie mir, wenn Sie das hier nicht können.“
Roland schweigt. Ein kleiner Luftzug streift seine Hand, als Schäfer das Laken ein Stück entfernt.
Der Vater sieht sie an. Ihr Gesicht hat die rosige Farbe längst verloren. Grau schimmert es gegen das Deckenlicht. Ihre Augen sind geschlossen. Sie sieht aus, als schliefe sie. An ihrer Nase klebt getrocknetes Blut. Ihre Lippen sind so schmal und schrundig geworden. Ein wenig steht der Mund geöffnet. Wie oft strahlten ihre weißen Zähne, wenn sie so herzlich gelacht hatte. Das blonde Haar bedeckt verschmutzt und strähnig ihren Kopf.
Roland muss für einen Moment seine Augen schließen. Ihm wird schwindelig. Schäfer packt ihm am Arm.
„Geht es?“
Er nickt, atmet tief durch und sieht den fleckigen Hals. Die Schultern scheinen ihre gespannte Haut fast zu durchbrechen. Lange beobachtet er ihre linke Schulter und berührt sie sanft, als wolle er sich endgültig verabschieden. Schäfer senkt seinen Kopf und bedeckt den kalten Körper mit dem Laken.
Die Schritte zurück sind schleppend. Keine Worte. Was bleibt, sind die letzten Bilder, die sich in Rolands Erinnerungen neben seiner Paula eingebrannt haben.
Auf dem Flur bleibt er stehen, sieht Kommissar Schäfer ins Gesicht.
„Das ist nicht Paula.“
Schäfers müde Augen werden größer.
„Wie ...?“
„Paula hatte nie ein Muttermal auf ihrer linken Schulter. Sie ist es nicht und kann es nicht sein. Das ist ein anderes Mädchen!“
„Aber, das ist ja ...“
Auf dem Rückweg nach Hause denkt Roland wieder an seinen Bruder und an das, was er ihm einmal gesagt hat. Dann sieht er in die Dunkelheit und auf die feuchte Straße und weiß jetzt, dass diese Ungewissheit zwar lähmt, aber weiterhin seine Hoffnungen nährt, eines Tages wieder in das lachende Gesicht seiner Paula sehen zu können.
(c) Guido Lemmel 2008