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Visionen

Gedankenstrudel

Bill war angekommen. Es war ruhig in Adams Appartement und es roch ungelüftet. Allgemein wirkte alles ziemlich unordentlich. Beide schauten sich lange in die Augen, suchten gegenseitig vertraute Züge in ihren Gesichtern. Bill sah müde und verbraucht aus. Ganz anders als früher.
Adam schien fast abgemagert. Seine Haare waren mit Mitte vierzig schon vollständig grau. Der Bart war weg. Seine Nase glänzte. Mit diesem Besuch hätte Adam in seinem Leben nicht mehr gerechnet. Wie oft hatte er in Gedanken diesen Mistkerl zur Strecke gebracht. Und jetzt war er einfach nur neugierig, was Bill hier wollte. Sie setzten sich an den langen Esstisch im Wohnzimmer. Er stand noch an der selben Stelle wie früher. An der Wand hing das Bild von Samantha. Sie lachte.
„Bill, warum bist du hergekommen? So viele Jahre ...“
„Zwölf Jahre, Adam. Ganze zwölf Jahre haben wir uns nicht mehr gesehen! War keine leichte Entscheidung für mich. Wie geht es dir denn so nach der ganzen Sache?“
„Lass das Höflichkeitsgeschwafel! Interessiert dich doch sowieso nicht! Wir waren die besten Freunde. Dachte ich jedenfalls. He Alter, du hast mich voll im Stich gelassen. Eigentlich müsste ich dir 'nen Tritt geben, weißt du das?“
Bill schwieg und sah auf das Bild von Samantha.
„Also, was willst du hier?“
„Es ist so schwer, dir das zu erklären, Adam.“
„Dann geh wieder. Mit dir habe ich sowieso schon lange abgeschlossen.“
„Kann ich dir nicht einmal verdenken.“
Bill atmete schwer. Würde Adam ihn überhaupt anhören. Die ganze Geschichte war ja schon irre genug. Er hatte noch nie mit jemandem darüber gesprochen.
„Ich möchte dir eine Frage stellen, Adam.“
„So? Ich höre.“
„Was würdest du machen, wenn du heute schon wüsstest, was morgen passiert?“
„Wie bitte?“ Adam runzelte die Stirn.
„Also, ich meine keine Vorahnung oder ein Bauchgefühl, sondern den genauen Ablauf des folgenden Tages. Und das immer wieder. Wie würdest du leben?“
„Was soll die blöde Frage? Niemand kann in die Zukunft blicken.“
„Doch, Adam. Ich kann es.“
„Nun, hör mal auf zu spinnen, Bill! Was soll das? Willst du mich nach den ganzen Jahren nochmal schön verarschen?“
„Ich meine es ernst, Adam! Seit dem Vorfall von damals ...“
„Sprich bitte nicht davon, okay?“ unterbrach Adam.
„Also gut, ich werd nicht von Samantha sprechen, aber seitdem kann ich jeden Tag im Voraus sehen.“
„Sag mal, nimmst du Drogen, oder was? Bist du den weiten Weg hierher gekommen, um mir diesen Esoterikscheiß auf den Tisch zu werfen?“
„Adam! Ich konnte es ja am Anfang auch nicht glauben. Dachte, ich wäre verrückt. Doch dann erkannte ich, dass es sich um keinen Zufall handeln konnte. Ich sah wie mein damaliges Vorstellungsgespräch ablief. Oder mein Arbeitstag im Büro, die Gespräche mit den Kollegen – all das konnte ich sehen.“
Adam lachte dreckig.
„Ja, na klar! Komm hör auf! Bist du denn mal auf die Idee gekommen, die Lottozahlen voraus zu sehen?“
„Das ist der Witz an der Sache! Genau das funktioniert nicht. Ich sehe immer nur die Ereignisse, die unmittelbar mit mir und anderen Menschen zu tun haben.“
„Weißt du, Bill – vielleicht hätte ich dir das vor zwölf Jahren noch geglaubt. Oder ich hätte es wenigstens versucht. Aber hier und jetzt und heute soll ich dir diesen Quatsch abkaufen? Kannst du dir vorstellen, dass ich meine eigenen Sorgen habe? Seit der Sache mit Samantha habe ich keine Frau mehr angerührt – so sehr hab ich sie geliebt, verstehst du?“
„Ich weiß, Adam ...“
„... und du sitzt hier und faselst was von 'In die Zukunft blicken'!“
„Ich weiß, dass Samantha dein größtes Glück war.“
„Bekomme seit beschissenen zwölf Jahren keinen mehr hoch, Bill! Kannst du dir das vorstellen? Und sieh mich an! Mein eigenes Spiegelbild kotzt mich an!“
Bill nickte verständnisvoll. Adams Stimme wurde lauter. Die Worte explodierten aus ihm heraus.
„Samantha und ich waren wie füreinander bestimmt. Und dann musste sie ...“
Er presste seinen Daumen gegen seine Stirn, so als würde er am liebsten seine Gedanken wegbohren.
„... sterben“, ergänzte Bill.
„Ich hab das bis heute nicht überwunden“, schluchzte Adam. „34 Messerstiche, Bill! Sie muss so gelitten haben. 34 Mal hat man ihr die Klinge in den Körper gerammt. Und das alles hier um die Ecke, während ich die blöde Quizsendung im Fernsehen schaute. Wäre ich doch nur bei ihr gewesen!“
„Ach Adam, mach dir mal keine Vorwürfe!“
„Und du erzählst mir von deinen bekloppten Visionen!“
Plötzlich deutete Adam mit seinem spitzen Finger auf die Kommode in der Ecke.
„Weißt du, was ich da seit Jahren verstecke?“
Bill blickte ruhig.
„Eine 9mm-Pistole! Hab' mir die schon vier Mal an die Birne gehalten. Irgendwann schaffe ich es, sag ich dir!“
Die Venen an Adams Hals pochten.
„Kommst hierher und erzählst mir von deinen Problemen. Dass du dich das wagst!“
„Adam, all das möchte ich dir ja erklären. Es hat einen Grund, warum ich heute zu dir gekommen bin.“
„Bla bla...“, wehrte Adam ab.
„Jeden Abend sehe ich Dinge, die ich nicht sehen will. Schlafen kann ich schon lange nicht mehr, muss einen Haufen Tabletten schlucken. Doch jedes Mal bevor ich einschlafe, tauchen diese Bilder des nächsten Tages auf. Es ist wie Kino. Kannst du dir vorstellen, wie langweilig dadurch mein Leben geworden ist? Es gibt keine Überraschungen mehr.“
„Herrje, dann unterbrich doch den Ablauf! Verarsch doch mal deine Vision!“ blödelte Adam.
Er konnte es immer noch nicht glauben und schüttelte abwertend den Kopf.
„Wenn ich das versuche, dann passieren Unglücke, Adam! All das habe ich bereits versucht. Einmal sah ich mich mit dem Kassierer der Tankstelle streiten, weil er meinen Hunderter nicht annehmen wollte. Ein Hin und Her lauter Worte. Am Ende nahm er den Schein doch noch an. Am nächsten Tag fuhr ich einfach nicht tanken und der Kassierer wurde bei einem Raub erschossen.“
„Zufall, Bill. Alles Zufall!“
„Ach? Und was ist mit der Oma, der ich die schwere Tasche in den vierten Stock tragen sollte und ich es dann einfach nicht getan habe?“
„Na, sie hat sie selbst getragen“, erwiderte Adam genervt.
„Nein, bevor sie überhaupt zum Einkaufen gehen wollte, starb sie an einem Herzinfarkt.“
„Mann, Bill! Du solltest zum Doktor gehen!“
„Oh nein! Ich könnte dir noch von zig Todesfällen erzählen, die immer dann eingetreten sind, wenn ich versucht habe, meinen Tagesablauf zu ändern.“
„Alles Quatsch, Alter! Ich verstehe immer noch nicht, warum du heute zu mir gekommen bist. Vor allem verstehe ich nicht, weshalb du dich damals nach Samanthas Tod nicht mehr gemeldet hast. Wir beide kennen uns schon aus dem Sandkasten, haben alles zusammen erlebt und dann verpisst du dich einfach. In meiner schrecklichsten Zeit!“
Bill schloss die Augen und sammelte seine Worte.
„Adam, was ich dir jetzt sage, wird dein und mein Leben schlagartig verändern.“
„Was kommt jetzt wieder? Geh mir nicht auf die Nerven mit deinen Märchen!“
Bill stand auf. Seine Finger krallten sich in die Tischkante.
„Ich weiß, wer Samantha getötet hat“, sagte er still entschlossen.
„Was!“ schrie Adam. „Sag das noch mal!“
„Ich habe es dir so lange verschwiegen, weil ich bis jetzt nicht den Mut dazu hatte. Außerdem zwingen mich meine Visionen dazu!“
Adam sprang auf und stürmte zu Bill. Schroff packte er ihn an den Schultern.
„Sag mir wer, Bill! Sag es!“ brüllte Adam. Seine Pupillen schrumpften zu kleinen, harten Kugeln.
„Ich war es.“
Adam taumelte zurück und fiel zu Boden.
„Was sagst du da? Was spielst du mir hier vor?“
„Adam, es gibt dafür keine Rechtfertigung. Es ist einfach passiert. Unten im Park. Als du hier deine Quizsendung gesehen hast.“
„Oh Gott! Was erzählst du mir da?“
Bill fuhr fort.
„Ich habe sie mindestens genauso geliebt wie du. Habe mir Hoffnungen gemacht. Wäre durchs Feuer für sie gegangen, bis zu dem Tag ...“
„Du Schwein!“ zischte Adam und fing an zu zittern.
„Sie sagte mir, dass sie dich nie verlassen könnte. Adam, sie liebte uns beide. Doch dich am meisten.“
„Du bist verrückt! Das stimmt doch alles nicht!“
„Es stimmt, Adam. Zwölf Jahre habe ich geschwiegen und bin genau wie du zu einem Wrack geworden. Jeden Abend diese Bilder vom nächsten Tag. Und dann diese Zwangsjacke, die mich zu einer fremdgesteuerten Maschine werden ließ.“
„Du hast sie umgebracht. Sie getötet und mich zerstört.“
Adam stand auf. Seine Beine wackelten.
„Und jetzt schmeißt du mir die Wahrheit wie Dreck ins Gesicht!“
„Das ist meine gerechte Strafe, Adam. Und meine Erlösung, denn ich habe gestern schon gesehen, wie du reagieren wirst. Wenn ich heute nicht gekommen wäre, dann müsste jemand anderer durch die Hölle gehen. Das muss ein Ende haben.“
„Sei sicher, Bill. Es wird ein Ende haben.“
„Ich weiß.“
Es waren nur ein paar Schritte zur Kommode. Adam zog an der Schublade und griff zur Pistole. Bill spürte den kalten Lauf an seinem Hinterkopf.
Endlich ist es vorbei. Keine Bilder mehr. Nur der Tod lässt noch Überraschungen offen, dachte er. Adam drückte ab. Wie apathisch sah er Bill in sich zusammensacken. Blut spritzte an das Bild von Samantha und lief über ihr lachendes Gesicht.

(c) Guido Lemmel 2009


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