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Wenn das Blut geronnen ist

Gedankenstrudel

In der langgestreckten Gartenhecke lag eine geräumige Kuhle. Ray hockte auf seinen Kniescheiben und beobachtete die etwa hundert Meter entfernte Villa mit ihren geschlossenen und dunklen Fenstern. In dieser Nacht war es sehr windstill. Dennoch fraß sich die winterliche Kälte in Rays spitze Nase. Seine graue, zerfranste Wollmütze bedeckte seine Stirn, darunter tasteten seine dunklen Augen das weite Terrain ab.
Die Polizei war schon längst abgezogen. Für heute hatte sie ihre Arbeit erledigt. Ray hatte aus der Ferne alles genau beobachtet. Die Polizei hatte nichts Auffälliges abtransportiert, somit musste der ganze wertvolle Kram noch in dem Haus sein. Hin und wieder fuhr ein Streifenwagen am Grundstück vorbei. Auch die Kamerateams und Reporter der örtlichen Fernsehstationen hatten nichts mehr zu berichten. Ray hatte am Heiligabend jeden Nachrichtensender studiert, kannte die Gegend und vor allem den ermordeten Immobilienmakler Heinz Marquardt und seine hingerichtete Familie. Der Mord war der Polizei völlig unklar, da rein gar nichts gestohlen wurde. Man tippte auf ein Rachemotiv, da Marquardt wohl reichlich Feinde besessen hatte und hin und wieder Drohbriefe bekommen haben soll. Er war ein ziemlich skrupelloser Typ, man sprach sogar von illegalen Geschäften im Rotlichtmilieu.
Ray berührte nichts davon. Er dachte an Sonne und Meer, während er noch immer die Villa beobachtete. Fünfzehn Jahre als Einbrecher, davon zwei Jahre Knast genügen, dachte er.
Neben seiner Stütze reichten die paar Beutezüge nur zum Überleben. In ein paar Tagen stand der Jahreswechsel bevor. Ray sehnte sich nach Hawaii.
Es war eine Stunde vor Mitternacht. In den umliegenden Häusern war ebenfalls Ruhe eingekehrt.
Die reichen Säcke pennen und verdauen ihre Weihnachtsgänse, schmunzelte Ray.
Er zog die Gurte seines Rucksackes fest, krabbelte aus der Kuhle und schlich zu dem Brunnen in der Mitte des Grundstückes. Jetzt bemerkte er wie bombastisch die Villa im Dunkeln wirkte. Im Haus musste ein Vermögen auf Rays Ankunft warten.
Ringsherum war es ruhig. Ray schlich weiter zu der säulenumsäumten Treppe. Zehn Stufen führten zu der Veranda. Die Polizei hatte wirklich nichts verändert. Vor der Hinrichtung musste hier eine wilde Weihnachtsparty stattgefunden haben. Ein halbvolles Champagnerglas wartete auf der Brüstung noch immer auf seinen Besitzer. Umgekippte Gartenstühle streckten ihre Beine gen Himmel. Überall klebte Ruß zum Erkennen der Fingerabdrücke auf den Oberflächen, worauf Ray seine Gummihandschuhe überzog. Die trug er bei jedem Bruch.
Er schlich zu der hohen Verandatür. Ein amtliches Klebesiegel versperrte den Eintritt. Ray schmunzelte. Er nahm seinen Rucksack und kramte einen kleinen Metallstab und eine Stablampe heraus. Mit ein paar geübten Handgriffen klackte die Tür in ihrem Schloss und bewegte sich seitlich nach innen. Ray hatte den ersten wichtigen Schritt geschafft und stand nun wie ein glückliches Kind in seiner Schatzkammer.
Es war warm hier und es roch muffig. Ray schaltete seine Stablampe ein. Der kleine Lichtkegel traf auf wertvolle Bilder an der Wand. Ray interessierte sich allerdings nur für Bargeld und Schmuck. Er hatte nur ein bisschen Platz in seinem Rucksack und zwei leere Stoffbeutel.
Auf einem Glastisch sah er einen schweren Aschenbecher gefüllt mit zerquetschten Kippen. Mehrere Bierflaschen standen in einer Reihe am Rande der Glasplatte. In der Mitte ein Kranz aus Tannenzweigen. Hier im Haus schien die Zeit stehen geblieben zu sein, so als hätten die Gäste diesen Raum nur kurz verlassen.
Der schmale Lichtkegel traf auf den hohen Weihnachtsbaum und die halb geöffnete Zimmertür, die zu einem großen, quadratischen Flur führte, der eher einem Hotelfoyer ähnelte. Der Boden aus polierten marmorierten Fliesen glänzte im Lampenlicht. Ray schlich geradewegs zu der Wendeltreppe. Hier unten war anscheinend nichts zu holen. Ray musste in die erste Etage. Dort lagen die Schlafzimmer und das Büro. In den Nachrichten wurde gesagt, dass die Familie dort ermordet wurde – die Kinder und Frau im Schlaf, der Immobilienmakler Marquardt im kurzen Kampf mit einem Messer. Ray betrat die Stufen. Die Luft veränderte ihren Geruch, je näher er der letzten Stufe kam. Es roch abgestanden – eine Mischung aus nassem Laub und feuchtem Keller. Die Stufen knarrten ein wenig unter seinen Füßen. Ray musste daran denken, welch grausame Bluttat hier vor kurzem stattgefunden hatte. Er ging weiter. Wieder folgte ein langer Flur mit seitlich abgehenden Zimmern. Ray spürte wie nah er dem Tatort kam. Das Atmen fiel ihm schwer. Langsam drückte er die goldene Klinke zum ersten Zimmer hinunter. Zögernd beleuchtete er den Raum mit seiner Stablampe. Er ging weiter und sah mehrere Kuscheltiere auf dem Boden verteilt. Zwei Betten links und rechts erzählten jeweils eine Geschichte. Die Köpfe der beiden Mädchen hatten sich in die Kissen gedrückt, als der Mörder den Lauf seiner Pistole in die dünne Kopfhaut gepresst hatte. Das Blut spritzte bis an die Vorhänge hinter den Betten und an die Tapete mit den kleinen Schlümpfen darauf. Reste von dem langen, blonden Haaren klebten noch am Holzpfosten des rechten Bettes. Unsicher und verwirrt verließ Ray das Zimmer. Einen kurzen Augenblick hatte er den Reichtum vergessen, der irgendwo hier in dieser Etage auf ihn warten musste.
Das elterliche Schlafzimmer lag schräg gegenüber. Die Tür stand weit geöffnet, fast wie eine winkende Hand zuckte im Lichtkegel ihr Schatten an der Wand. Ray konnte das Zimmer jedoch nicht betreten. Zu sehr lasteten die zuvor erlebten Eindrücke in seinem Kopf. Behutsam schlich er zum Ende des langen Flures. Dort musste das Büro liegen. Ray wusste das. Diese Tür war anders. Ein dicker Lederbezug und die schwere verzierte Klinke deuteten auf ein Vermögen in dem dahinter befindlichen Raum. Die Tür war nicht abgeschlossen. Ray betrat das Zimmer. Das Licht seiner Lampe war schon ein bisschen schwächer geworden. Es genügte aber, um den Schreibtisch und die darauf verteilten Dokumente zu beleuchten. Er wusste, dass hier ein Safe sein musste. Die meisten reichen Leute montieren ihren Safe im Büro. Ray musste nicht lange suchen. Er rückte den schweren Schreibtisch beiseite und entdeckte eine Klappe im Teppichboden. Hier also hatte der Immobilienmakler seine wertvollen Sachen versteckt. Das Schloss der Klappe stand offen. Ray hob die Klappe an, leuchtete in die kleine rechteckige Öffnung und traute seinen Augen nicht, als er auf blankes Metall blickte. Die Kiste war leer.
Verdammt, fluchte Ray. Hektisch durchwühlte er jede Schublade des Schreibtisches. Nichts als Papier. Seine Stablampe wurde immer schwächer. Keine Spur von etwas Wertvollem.
Ray verließ das Büro und ging in das Schlafzimmer der Eltern. Vielleicht lag dort etwas Schmuck herum. Vergessen waren die zuvor gesehen Blutspritzer an den Wänden des Kinderzimmers. Doch er stoppte, als sein Blick im matten Schimmer am Fußende des Ehebettes traf.
Dort saß jemand an der Bettkante angelehnt. Der Kopf zum Boden gesunken. In der einen Hand die Pistole, in der anderen ein langes Messer. Ray hörte die Gestalt leise aber schwer atmen. Sein Herzschlag wurde plötzlich ruhig. Er ging auf die Person zu und beugte sich zu ihr hinunter. In dem Ehebett lag der Immobilienmakler Heinz Marquardt und röchelte immer schwächer. Seine nackten Zehen krallten sich in das Laken. Blut sickerte aus dem Schnitt seines Halses. Seine Frau lag bewegungslos auf dem Bauch. Der obere Teil ihres hinteren Schädels klaffte nach außen. Ray drehte sich kurz um und konnte einen kurzen Blick durch den Türspalt in das Kinderzimmer werfen. Starr lagen die Leiber der Kinder in ihrem eigenen Blut.
Ray berührte die Schulter der Gestalt. Es war ein Mann. Wie kam er hierher? Ray hatte keine Angst. Er wusste, der Mann würde ihm nichts tun. Wieder berührte er ihn. Wieder und wieder, bis ein paar Wortlaute aus seinem nach unten gesenktem Mund traten.
„Mein letzter Traum ist zerplatzt. Opfer für nichts. Es ist vorbei.“
Dann erhob sich langsam sein Kopf. Ray sah seine Stirn, seine Augen, Nase und Mund. Der Mann blickte ihn an und sah in schleierhafte Leere. „Schade, dass du zurück bist, Ray.“
Es war kurz vor Mitternacht. Heiligabend war vorbei. Rays Kopf sackte erneut geschwächt hinunter.

(c) Guido Lemmel 2006


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